14/06/2011 Die Marzocchi „66 RC3 Evo Ti“ ist eine rundum gelungene Freeride-Gabel. Das Ansprechverhalten ist von Beginn an sehr gut. Die Federperformance ist geschmeidiger und feinfühliger als bei der Konkurrenzgabel „Totem“ mit Stahlfeder. Die Steifigkeitswerte liegen subjektiv auf ähnlich hohem Niveau. Die effektive Druckstufendämpfung verhindert das Wegtauchen und ist für jeden Einsatzbereich tunebar. Die Kennlinie ist so, wie sie bei einer Freeride-Gabel sein sollte: Linear bis kurz vor Schluss mit einer schönen Endprogression.
Seit unserem letzten Einzeltest einer Marzocchi „66“ ist einige Zeit vergangen. Das war so 2008 und die „66“ war eine Luftgabel, an der man ziemlich viel rumpumpen und -drehen musste, damit sie funktionierte. So leidlich funktionierte. Das supersofte Marzocchi-Feeling war damals ein Schatten seiner selbst, genau wie die Zuverlässigkeit der Gabel. Leider. Dieses Jahr kommt die „66 RC3 Evo Ti“ mit Titanfeder im rechten Holm (das „Ti“) und „RC3 Evo“- Motocrossdämpfungstechnik im linken. 2010 war die bereits bei der „888“ verbaut. Von der haben wir viel Gutes gehört. Das Casting der Gabel ist altbekannt: wuchtig, mit 8-Zoll-Postmount-Bremsaufnahme und überarbeiteter Schnellspannsteckachse.
Die teure Topgabel der 66er-Serie erkennt man schon von Weitem an den nickelbeschichteten Standrohren, die kratzfester und glatter
sein sollen als die normalen schwarzen Standrohre der günstigeren Modelle. Gewichtsmäßig ist immerhin die 3-Kilo-Marke unterschritten: 2775 Gramm mit gekürztem, konifiziertem Aluschaft. Abzustimmen gibt es vor dem Test theoretisch eine Menge: Zug- und Lowspeed-Druckstufe, Vorspannung der Feder und bei Bedarf noch die zusätzliche Luftkammer zur Kennlinienabstimmung. Außerdem kann man die Shims der Highspeed-Druckstufe intern anpassen, wenn man mit dem Serien-Set-up unzufrieden ist.
Solche Optionen machen uns ja immer etwas nervös – Gabeln zerlegen wir freiwillig gar nicht und wenn dann nur aus Versehen bei missglückten Landungen. Deshalb ließen wir den Scheibchenhaufen wie von den Italienern voreingestellt und waren fest entschlossen, den Schraubenzieher nur bei grober Druckstufenunfähigkeit zu benutzen. Die Lowspeed-Druckstufe und die Vorspannung blieben bei 75 Kilo Testfahrergewicht erstmal offen. Auch die Luftkammer brauchte keinen zusätzlichen Druck. 6 Klicks an der Zugstufe und es konnte losgehen.
Im Vergleich zur „66 RCV“, die wir im letzten Heft (180er-Freerider->) getestet haben, wirkt die Gabel straffer gedämpft. Das ist auch gut so, denn das günstige Pendant verwöhnte zwar mit sänftenartigem Komfort, neigte aber zum Wegtauchen und gab wenig Feedback vom Untergrund. Das Ansprechverhalten der „RC3 Evo Ti“ ist gleich aus dem Karton butterweich und spielt in einer anderen Liga als die RockShox „Totem“.
Im Testalltag zeigte auch die hochwertige Dämpfung, was sie kann: Die Gabel arbeitet sehr linear, besitzt aber gerade genug Endprogression, um nie auf Block zu gehen. Trotzdem kann man den Federweg komplett ausnutzen. Auch sehr schnelle, harte Schläge saugt die Gabel weg ohne dabei zu verhärten. Komfort satt also. Beim Anbremsen und in Anliegern sinkt sie dennoch nicht zu tief in den Hub, sondern baut eine solide Plattform auf, die dem Fahrer gutes Feedback vom Untergrund vermittelt. So muss es sein, denn nur so bleibt ein Bike agil und kann aktiv gefahren werden. Das Bedürfnis an der Druckstufe rumzubasteln sank nach der ersten Abfahrt auf Null und blieb da auch bis zum Schluss des Tests.
Die Gabel wirkt sehr steif und lenkpräzise. Ein ziemlich perfektes Produkt. Der Preis dafür ist aber auch hoch: 1169 Euro, www.cosmicsports.de
PLUS
+ Ansprechverhalten
+ Dämpfungsabstimmung
+ Federperformance
MINUS
- Preis
