Trailbike-Duell 2017: Edel-Amis Evil versus Intense

Evil The Insurgent / Intense Recluse Expert

26.12.2017 Chris Schleker - Heute keine Endurotrend-Pickelgefahr, denn am Duellstart stehen zwei Trailbikes. Laut unserer Definition sind das agile Spaßmaschinen mit reduziertem Federweg, viel Pop und ausreichend Stabilität für Faxen im Gelände und gerne auch im Park. Aber nur einer der beiden Edel-Amis kriegt den Mix richtig gut hin. Welcher? Weiterlesen!
Trailbike-Duell 2017: Edel-Amis Evil versus Intense
© Tobias Woggon
Trailbike-Duell 2017: Intense (li.) gegen Evil (re.)

Trailbikes sind meeeegatrendy: Plötzlich gibt’s in jeder Shopecke Spezialräder fürs Fahren auf flowigen Waldwegen  – und dazu auch noch Trailbike-Klamotten, Trailbike-Reifen, Trailbike-Trails. Viele von euch werfen jetzt empört die muskulösen Arme in die Luft und rufen: "Pfui! Wir sind schon immer auf flowigen Waldwegen rumgefahren und brauchten dafür keine speziellen Klamotten, Reifen, Trails!" Recht habt ihr.  Aber ein gutes Trailbike schadet trotzdem nicht. Denn sonst riskiert man Kopf und Kragen, weil die aufgemotzte XC-Möhre eben kein brachiales Trailgeballer aushält. Oder die Knie schleifen auf der Hausrunde am Kinn, weil der umgebaute Slopestyler nur ein Zwergensitzrohr hat. Jetzt gibt es halt die passenden Nischen­bikes zur Trailbike-Nische. So what? Wichtig ist dabei aber, dass die Dinger keine umgelabelten All-Mountain-Bikes mit etwas dickeren Reifen sind, sondern konsequent entwickelte Spezialisten, bei denen der Spaß und das Spiel mit dem eher gemäßigten Gelände im Vordergrund steht. Sie sollten vortriebsstark und sprungfreudig sein. Handlich und robust. In Charakter und Geo ziemlich genau zwischen einem All Mountain-Bike und einem Enduro positioniert.

Intense hat mit dem Recluse (Google sagt, das heißt Einsiedler?) rein von den Zahlen her ein perfektes Trailbike im Programm: Federwege von 140 Millimetern hinten und 150 Millimetern vorn, ein ziemlich flacher Lenkwinkel von unter 66 Grad, robuste Bereifung und solide Anbauteile. Als Kern ein voluminöser und aufwändig geformter Vollcarbonrahmen mit VPP-Hinterbausystem. Die Pike an der Front kommt leider mit der günstigen RC-Dämpfungskartusche daher – wohl ein Zugeständnis, um den Mehrpreis, den man hierzulande allein für den Schriftzug auf dem Unterrohr abdrücken muss, auszugleichen. Teuer ist das Recluse natürlich trotzdem. Auch bei Evil muss man den Exotenstatus mit einem sehr tiefen Griff ins Portemonnaie bezahlen. Aber hier macht der, ebenfalls komplett aus Carbon gefertigte, Rahmen optisch deutlich mehr her: wuchtig mit enormem Steuerrohrbereich und riesiger Eingelenkschwinge. Die in der Kettenstrebe integrierte Führung und die aufwändige Hebelage mit tief im Rahmen versenktem Dämpfer geben dem Bike ein eigenständiges Gesicht. Die Züge sind, anders als beim Intense, komplett außen verlegt. Das entspricht nicht dem aktuellen Trend, ist aber sauber gelöst und 100 Prozent alltagstauglich bei Wartung und Pflege. Beim Federweg ist das Insurgent etwas großzügiger: 160 Millimeter vorne und 150 Millimeter hinten. Die wuchtige Lyrik mit hochwertiger Druckstufenkartusche rückt das Bike schon recht deutlich Richtung Enduro. Die Geometrie ist der des Intense ähnlich; der Lenkwinkel ist mit 66 Grad fast identisch flach, das Tretlager mit nur 340 Millimetern Höhe zum Boden sogar noch etwas tiefer. Beide Bikes haben modern lange Reachwerte über 430 Milli­meter bei Größe M.

Im Stand geht der erste Duellpunkt aufgrund des außergewöhlicheren Rahmens und der besseren Gabel eigentlich ans Evil, aber die fette Optik schlägt aufs Gewicht. Das Intense ist über ein halbes Kilo leichter. Deshalb Gleichstand nach dem Parkplatzcheck.

Den Fahrtest haben wir auf zwei Geländeeinsätze verteilt: Neben einer klassischen Trailrunde an der Isar bei München mit zahlreichen Sprüngen und viele Sprintpassagen mussten sich beide Bikes einen Tag auf dem Tschilli-Trail in Latsch beweisen. Diese Bandbreite hat ein Enduro auch drauf, aber speziell auf der Trailrunde verpufft bei den modernen Mini-Downhillern viel Fahrspaß aufgrund fehlender Dynamik. Hier sollten die Duellanten also schon glänzen, wollen sie ihrem trendigen Ruf denn gerecht werden.

Das Intense überrascht unseren kleinsten Tester auf den ersten Metern mit einem (zu) langen Sitzrohr. Zwergentester Chris Schleker (172 Zentimeter und 77er-Schrittlänge) konnte die Reverb-Stütze nicht weit genug im Rahmen versenken, um den kompletten Hub zu nutzen. In Zeiten immer langhubigerer Telestützen ein unnötiges Problem. Mit klassischem Set-up (vorne 20, hinten 30 Prozent Sag) ging’s erstmal auf den Tschilli-Trail. Die Abfahrtsposition ist gelungen: Nicht zu enduromäßig tief im Bike, mit guter Bewegungsfreiheit und ideal positionierter Front fährt sich das Recluse agil und lässt sich blitzschnell in Anliegern von der einen auf die andere Seite umlegen. Gabel und Hinterbau arbeiten leider nicht ganz harmonisch, weil die  Pike mit RC-Kartusche beim Anbremsen und in Steilpassagen zum Wegtauchen neigt, der Hinterbau im Gegenzug aber eher progressiv und gefühlt straff zu Werke geht. Bei Sprüngen ist man dadurch häufig zu frontlastig unterwegs und fühlt sich etwas unsicher. Im direkten Vergleich ist das Evil hier eine Klasse besser. Die Position im Rad ist etwas aufrechter und tiefer. Alle Tester fühlten sich bei Highspeed und in steilen Passagen mit dem Evil sicherer. Das Fahrwerk liegt so satt, dass man nicht glauben mag, nur mit 150 Millimetern im Heck unterwegs zu sein. Allerdings klappert die Kette laut in der Führung. Der Hinterbau ist sehr linear ausgelegt – die serienmäßig verbauten zwei Spacer-Ringe haben wir im Laufe des Tests auf vier aufgestockt. Dann lässt sich das Fahrwerk richtig schön ausbalancieren und arbeitet sensibel, ohne dass das Bike dadurch Dynamik verliert. Guter Pop am Absprung und eine sehr sichere Fluglage machen Spaß. Das Evil fährt sich in schwerem Gelände wie ein noch nicht komplett überzüchtetes Enduro: Agil, lebendig und trotzdem sicher. Punkt fürs Evil.

Im Traileinsatz an der Isar zeigt das Intense eine enorme Vortriebsstärke. Man sitzt effektiv über dem Tretlager und hat viel Druck auf dem Pedal. Ideale Voraussetzungen, um immer wieder vor Absprüngen und aus Kurven heraus zu beschleunigen. Das Intense ist schnell! Aber das Heck wirkt auch hier auf Wurzelpassagen zu straff für den Hub und neigt zum Hoppeln. Speziell beim Treten arbeitet der VPP-Hinterbau  wenig sensibel. Und auch hier nerven bei Sprüngen das kickende Heck und die leicht wegsackende Gabel. Das Evil hat etwas weniger Vortrieb, bleibt aber im Antritt auch schön stabil und beschleunigt gut. Die etwas aufrechtere Position verleitet mehr zum Spielen mit dem Gelände – ein idealer Charakter für den Traileinsatz, fanden alle Tester. Mit minimal weniger Sag im Heck (25 Prozent) wird das Bike hier noch agiler und spaßiger.

Fazit: Das Trailbike-Duell gewinnt ganz klar das Evil mit einem idealen Mix aus Agilität und guter Fahrwerksfunktion. Sicherer und spaßiger als ein All Mountain, aber nicht so träge und unhandlich wie moderne Race-Enduros. Das Intense ist im Vergleich zwar deutlich leichter und mit besserem Vortrieb unterwegs, aber ihm fehlen der Funfaktor beim Springen und das ausgewogene Fahrwerk.

Trailbike-Duell 2017: Edel-Amis Evil versus Intense
© Tobias Woggon
Laurin Lehner (30): "Beides sind erstklassige Räder. Das Intense ist für mich das konsequentere Trailbike weil leicht, vortriebsstark und direkt. Müsste ich mich entscheiden, würde ich dennoch zum Alleskönner Evil greifen." Chris Schleker (47): "Das Intense hat enorm Vortrieb, aber das Heck ist zu straff und unsensibel. Beim Evil stimmt die Mischung aus aktivem Handling und sensiblem Fahrwerk – ganz klar mein Favorit."  

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