Dauertest Liteville 301 MK11

Wettkampfgeschoss mit drei Laufradgrößen

31.10.2013 Jeanette Kühn - Seit dieser Saison gibt es drei Laufradgrößen. Schönen Dank auch. Und Liteville fängt an, die auch noch miteinander zu kombinieren! Wer soll da den Durchblick behalten? Wir! Denn wir haben es ausprobiert.
© Christoph Bayer
Volle Konzentration, volle Entschlossenheit und Vollgas – im Rennbetrieb ofenbart ein Bike mögliche Schwächen gnadenlos. Und der Fahrer auch. Chef-Tester Chris Schleker auf dem Liteville 301 im Wurzelteppich während des Enduro-Race in Kirchberg/Tirol.

Gerade hat der dritte Syntace-Laufradsatz sein Lebenslicht auf der Teststrecke in Bozen ausgehaucht, da klingelt mein Handy. Michi Grätz von Liteville ist dran. Zwei Wochen später nehme ich das knackgrüne Liteville "301" als neues Dauertestbike für die 2013er-Saison in Empfang. Nach meinen Wünschen aufgebaut und mit bereits überarbeiteten Laufrädern. So hätte ich das gar nicht erwartet. Aber so ticken die bei Liteville offenbar. Du bist Testfahrer im Grenzbereich? Herzlich willkommen!

Das "301" ist komplettes Neuland für mich. Mein letzter Kontakt mit dem deutschen Hersteller, das damals frisch entwickelte "601", liegt Jahre zurück. Und der kleinere Bruder war bei mir immer unter der Kategorie "Tourenbike für Reiche" abgelegt. Was will ich damit? Rennen fahren zum Beispiel! Dafür soll das auf 160 Millimeter Hub hinten aufgebohrte und mit einem schrägen Laufradgrößenkonzept gepimpte "301" genau richtig sein. Und Bikepark? Geht auch. Na dann. Mein Dauertest-Liteville ist der mittlerweile elfte Jahrgang des Rahmenkonzeptes mit der prägnanten Wippe am Oberrohr. Optisch über die Jahre kaum verändert, aber faktisch nur noch in der Silhouette ähnlich. Vom XC-Bike ist es mittlerweile zum Enduro gereift. Zumindest nominal passt der Federweg genau ins Segment der sportlichen Enduros. Konsequent aufgebaut mit RockShox "Pike", SRAM "XX1", "Reverb Stealth"-Stütze und "XTR Trail"-Bremsanlage kommt es auf sehr gute 12,1 Kilo – dicke Schlappen von Schwalbe inbegrien. Und die sind am "301" auch noch unterschiedlich groß. Die Idee dahinter: der physikalische Vorteil des größeren Radumfanges kommt nach Auassung von Syntace-Boss Jo Klieber am Vorderrad deutlich mehr zum Tragen, während hinten die Vorteile des kleineren Laufrades überwiegen: "Vorne schiebt’s leichter über Wurzeln, hinten bleibt’s wendig und steif".

© Daniel Simon
Vorne groß, hinten klein: Liteville wäre nicht Liteville, wenn sie nicht versuchen würden, es anders zu machen als andere Hersteller. Wir hielten das Konzept erst für Schnickschnack – bis wir mal testweise vorne „klein“ reingebaut haben.

Auf den ersten Touren merkte ich davon erstmal noch wenig. Mich beschäftigte der straffe Hinterbau zu sehr, der so gar nicht arbeitete, wie ich das von einem Enduro erwarte. Bei Landungen etwas hölzern, ansonsten ziemlich straff. Zumindest mit dem anfangs verbauten Fox "Float CTD" also erstmal keine Offenbarung. Der Umstieg auf den "Float X" brachte dann deutlich mehr Endurofeeling ins Bike. Naja, Raceendurofeeling. Eine Sänfte wird das "301" damit auch nicht, aber das Heck arbeitet dann sehr harmonisch mit der auch eher racig straff gedämpen "Pike" an der Front. Im Laufe des Dauertests musste der Fox einem speziell getunten "Monarch Plus" mit verkleinerter Luftkammer und extraleichter Low-Speed-Druckstufe weichen. Damit liegt das Fahrwerk bei hohem Tempo sehr sicher, bietet sehr guten Gegendruck in Kompressionen und eine schöne Endprogression für Landungen. Gleichzeitig bleibt es aktiv und vortriebsstark. Auch das Handling des Bikes ist anders, als ich es bis dato in dieser Klasse gewohnt war: Ein etwas höherer Schwerpunkt und die recht hohe Front verlangen eine aktive Fahrweise mit viel bewusst ausgeübtem Druck aufs Vorderrad. Hat man sich daran gewöhnt, wird das Bike richtig schnell.

© Daniel Simon
Bester Kompromiss beim Liteville 301: Insgesamt drei Dämpfervarianten haben wir ausprobiert. Der serienmäßige Fox „Float“ ist nur was für Tourenfahrer. Der „Float X“ macht das Heck deutlich schluckfreudiger. Der „Monarch“ harmoniert mit Druckstufentuning am besten mit der „Pike“-Gabel.

Der ziemlich flache Lenkwinkel und der längere Hinterbau (434 Millimeter bei Größe M) in Verbindung mit dem direkten Fahrwerk schaffen einen interessanten Kompromiss aus Spurstabilität und Agilität. Und die unterschiedlichen Laufräder? Weil ich das Rad von Anfang an nur mit diesem Set-up gefahren bin, hatte ich keine Vergleichswerte. Die bekommt man erst, wenn man testweise zurückrüstet, oder auf ein anderes Bike mit klassischen 26ern umsteigt. Beides habe ich gemacht und war sehr überrascht. Der Effekt ist dem der gewachsenen Lenkerbreite sehr ähnlich: Man gewöhnt sich schnell an einen 760 Millimeter breiten Lenker und merkt die Vorteile schon nach der ersten Tour nicht mehr so bewusst. Aber wehe, man steigt danach auf ein Bike mit 720er-Lenker! Crosscountry-Alarm! Geht gar nicht mehr! Und eben genau diesen Aha-Effekt hatte ich beim Back-to-26-Versuch. Sowohl beim Liteville als auch beim wohlbekannten und hochgeschätzten Alutech "Fanes" zuckte es plötzlich nervöser am Lenker, als es das gefühlt vorher getan hat. 

Der menschliche Körper ist bei solchen "Rückschritten" sehr sensibel und auch wenn ich vor diesem Test noch anders dachte: Ich empfinde es jetzt tatsächlich als Rückschritt. Mittlerweile habe ich auch mein Getriebe-"Fanes" auf 650B vorne umgerüstet und fühle mich wohler damit. Schwachpunkte konnte ich an der Rahmenkonstruktion im gesamten Testverlauf nicht ausmachen. Die Zugverlegung ist perfekt gelöst, die Lagerpunkte laufen nach wie vor seidenweich. Kein Knarzen, kein Quietschen. Nix. Auch die Anodisierung ist noch immer in sehr gutem Zustand. Probleme? Ja: Mittlerweile fahre ich an der "XX1" eine Führung, weil sie irgendwann anng, die Kette fallen zu lassen. Und der "Magic Mary" ist leider am Hinterrad ein Totalausfall, weil die Seitenstollen sehr schnell einreißen. Das war’s. Bleiben noch die Laufräder, mit denen alles begann. Davon haben im Laufe der Saison wieder zwei ihr Leben gelassen. Felge hinten massiv zerdrückt. Totalschaden. Und Liteville? Hat mir gerade einen neuen, cleveren Prototypen geschickt, der besser halten soll. Die sind echt verrückt.

© Daniel Simon
Systemintegration: Schaltwerksschutz made in Süddeutschland. Dieses schicke Frästeil steht exemplarisch für die guten Details, die das Liteville „301“ zu dem Sorglosbike machen, das es in unserem Dauertest war.

PLUS Qualität Rahmen, Laufradkonzept, Gewicht
MINUS straffes Race-Fahrwerk

HERSTELLERANGABEN

Vertrieb Syntace GmbH, www.liteville.de
Material/Größen Alu/XS, S, M, L, XL,XXL (Testgröße M)
Preis/Gewicht ohne Pedale ca. 6900 Euro/12,1 kg

MESSDATEN

Federweg vorne/hinten 160 mm/160 mm
Hinterbausystem Viergelenker

AUSSTATTUNG

Gabel/Dämpfer RockShox Pike RT3/RockShox Monarch Plus
Kurbeln/Schaltung SRAM XX1
Bremsanlage Shimano XTR Trail
Laufräder Syntace Systemlaufradsatz vorne M35 MXS, hinten W30MXS Schwalbe Magic Mary 2,35 Reifen

© FREERIDE Magazin
Bewertung Liteville 301 MK 11
© Daniel Simon
Coladose: Angle-Sets malen uns immer ein paar Sorgenfalten auf die Stirn, denn sie neigen zu nervigen Knackgeräuschen. Wir wissen nicht, was Syntace/Liteville da wieder rumkonstruiert haben, aber ihr verstellbarer Steuersatz im Ofenrohrformat arbeitet auch nach Monaten noch geräuschlos.
© Wolfgang Watzke
Christian Schleker, Tester: „Das Liteville „301“ habe ich gequält wie kaum ein Dauertestbike zuvor. Sechs Endurorennen, ein knappes Dutzend Bikeparkbesuche und viele Tagestouren. Dass es dabei nicht sichtbar gealtert ist, hat mich beeindruckt. Wenn die Jungs von Liteville nicht anrufen, hänge ich noch eine Saison dran.
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LitevilleDauertestLaufradgrößen

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