Test 2015: 12 Gelenkprotektoren im TÜV-Labor

Knautschzone: Knieprotektoren im Test 2015

16.07.2015 Dimitri Lehner - Knieprotektoren sind lästige Begleiter – ohne Sturz. Beim Crash verwandeln sie sich in Schutzengel. Sie sind die einzige Knautschzone zwischen Bein und Boden. Wir haben zwölf gängige Modelle getestet.
Knautschzone: Knieprotektoren im Test
© Christian Bartosch
Endstation Crash: Dieser Big-Bike-Pilot freut sich über jeden Zentimeter Knautschzone. Erst beim Sturz erkennt man den Wert sinnvoller Protektion.

Knieprotektoren sind wie die Bundeswehr: Sie sind teuer und kommen meist eh nicht zum Einsatz. Im Ernstfall allerdings freut man sich über jeden Euro, den man in die Aufrüstung gesteckt hat. Doch wie schlagkräftig sind diese "Schutztruppen" wirklich? Das sollte unser großer Test herausfinden. Wir machen für unsere Leser zwar fast alles, doch kein FREERIDE-Tester war bereit, im Steinfeld das Vorderrad zu blockieren, um einen Sturz zu provozieren. Deswegen beauftragten wir den TÜV Rheinland. Hier haben wir zwölf gängige Knieschützer nach der Motorrad-Norm 1621-1 getestet, da es eine Prüfnorm für Bike-Schutzbekleidung nicht gibt. Bei der Prüfnorm EN 1621-1 werden die Dämpfungseigenschaften der Protektoren getestet.

Diese Knieprotektoren haben wir getestet:

• Dainese Oak Pro
• Dainese Trail Skins
• ION K_Pact
• IXS Dagger
• Leatt Knee Guard 3DF
• O'Neal AMX Zipper
• POC Joint VPD 20
• Scott Grenade Pro 2
• Seven Control Knee
• Six Six One Rage
• Sweet Protection Bear Suit
• YT Shit Bumper (ACHTUNG: Produkt nachgebessert, Ergebnis aus FREERIDE 2/2016 beim YT-Test)

Test 2015: 12 Gelenkprotektoren im TÜV-Labor - (12 Bilder)
Knieprotektoren sind lästige Begleiter – solange man nicht stürzt. Beim Crash allerdings verwandeln sich die Schaumpolster in Schutzengel. Sie sind die einzige Knautschzone zwischen Bein und Boden. Wir haben zwölf gängige Modelle getestet.
© Daniel Simon

Dainese Oak Pro

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Dainese Trail Skins

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ION K_Pact

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IXS Dager

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Leatt Knee Guard 3DF

© Daniel Simon

O'Neal AMX Zipper

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Poc Joint VPD 20

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Scott Grenade Pro 2

© Daniel Simon

Seven Controll Knee

© Daniel Simon

Six Six One Rage

© Daniel Simon

Sweet Protection Bear Suit

© Daniel Simon

YT Shit Bumper

Das Ergebnis überraschte. So pufferte der Schoner von Sweet Protection zum Beispiel den Testschlag bis auf zirka 7000 Newton runter. Damit schützt er fünf Mal so gut, wie es der Grenzwert der Prüfnorm (35 000 N) vorschreibt. Nicht jeder Schoner konnte mit solchen Bilderbuch-Werten aufwarten. Es gab sogar Schoner, die den Grenzwert überschritten und damit die Norm nicht erfüllten.

Die Schutzwirkung ist sicher das Hauptkriterium eines Gelenkprotektors. In der Praxis allerdings können Tragekomfort und Passform fast noch wichtiger sein. Warum? Zum einen sollte der Schoner wenig einengen, damit der Fahrspaß nicht leidet. (Wer will schon mit zwickenden Kniekehlen und Druckstellen am Schienbein durchs Gelände fahren?) Zum anderen kann ein Schoner seine Schutzwirkung erst dann voll entfalten, wenn er beim Sturz auch wirklich an Ort und Stelle bleibt, statt zu desertieren. Schlecht sitzende Kniepads werden beim ersten Bodenkontakt oft vom Bein gerubbelt. Resultat: ein blutiges Knie trotz Schoner.

Hier ist uns in der Praxis aufgefallen, dass sich Protektoren mit harter Plastikkappe besser schlagen. Damit gleitet der Biker über den Boden, wogegen weiche Schoner sich mit dem Untergrund verzahnen und vom Bein gerieben werden. Leider gibt es keine Laborprüfung, die diese Eigenschaft testet. Doch Hartplastik alleine schützt kaum. Wie ein Stahlhelm leitet das harte Material den Schlag ungefiltert weiter. Erst der Dämpfungsschaum reduziert die Schlagenergie wirksam. Aus der Qualität des Schaums resultieren die größten Unterschiede – in der Schutzwirkung wie auch im Preis. Die Testsieger (Ion, Poc, Scott, Sweet Protection) setzen hochwertige Dämpfungsschäume ein und erzielen damit die besten Laborwerte. Dainese (Trail Skins) und YT schaffen dagegen mit ihren weichen Schaumplatten nicht einmal die Norm.

Seit einigen Jahren sind kurze Knieprotektoren wegen ihres hohen Tragekomforts in Mode gekommen – das Schienbein bleibt hier jedoch ungeschützt. Für Downhill-Einsätze im rauen Holter-Polter raten wir daher zu langen Beinprotektoren oder zusätzlichem Schienbeinschutz. Denn die Gefahr, von hochgeschleuderten Steinen getroffen zu werden, ist hoch! Übrigens: Alle Gelenkschoner schützen lediglich vor Abschürfungen und blauen Flecken. Im besten Fall verhindern sie den Bruch der Kniescheibe. Gegen die gefürchteten Verletzungen des Bandapparats sind sie machtlos.

DAS PANZERBEIN - Lange Knie-Schienbein-Protektoren

Aus Neugier haben wir auch einen alten Beinprotektor von Dainese beim TÜV checken lassen. Damals waren die Kunststoffschienen ein Muss für jeden Gravity-Biker. In der Bauweise von einst fiel der "alte" Dainese mit unzureichenden Dämpfungswerten durch den Test. Er konnte die Prüfschläge im Durchschnitt lediglich auf 36,8 kN abpuffern. Auch heute sind Knie-Schienbein-Kombis noch im Handel und meist viel besser konstruiert als damals. Leider fällt der Vollschutz dem momentanen Mode-Diktat zum Opfer, dabei sind die langen Beinschützer in der Praxis sinnvoller als der Mini-Schutz am Knie. 

Knie-Schienbein-Protektor
© Daniel Simon
Plastikschienen fürs Bein sind aus der Mode gekommen, dabei liefern sie Schutz fürs empfindliche Schienbein. 
© Privatfoto
Marcus Klausmann (37), Worldcup-Racer und 15-facher deutscher DH-Meister: "Wenn’s richtig zur Sache geht, trage ich lange Protektoren. Oft schleudern die Reifen Steine hoch. In Châtel flog mir eine Schieferplatte so gegen’s Bein, dass ich trotz Plastikplatte eine dicke Schwellung bekam. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte der Brocken mein nacktes Bein getroffen."

Vollschutz fürs Knie: DIE ORTHESE

Star-Freerider Cam Zink riss sich im Lauf seiner Karriere die Kreuzbänder seiner Knie gleich mehrfach. Denn bei Stürzen versucht der Fahrer intuitiv, den Schwung mit dem gestreckten Bein abzufangen. Die üble Folge, wenn’s dumm läuft: Bänderriss. Um das Kniegelenk gegen die fiesen Rotations- und Scherbewegungen zu schützen, hilft einzig und alleine die Orthese. Die schwäbische Orthopädie-Firma Ortema bietet zum Beispiel das Modell "X-Pert" aus Kunststoff an, mit hoher Stabilität und geringem Gewicht.

Preis 475 Euro
Web www.ortema.de

© Herstellerfoto
Die Orthese gibt dem Knie hohe Stabilität.

TÜV-LABOR UND PRAXIS: So haben wir getestet

Der TÜV-Test im Labor: Knieprotektoren müssen die Prüfnorm EN 1621.1 bestehen. Diese europäi­sche Norm wurde für den Motorradsport entwickelt. Sie erscheint uns praxisnah und kommt einem Bike-Crash im felsigen Gelände am nächsten. Dabei fällt ein 5-Kilo-Eisenklotz aus 1 Meter Höhe auf das "Sensorknie" mit Protektor. Die Restenergie wird aufgezeichnet. Fürs sichere Schutzlevel 2 dürfen die Restkräfte im Durchschnitt 20 Kilo-Newton (kN) nicht überschreiten, der Einzelschlag darf nicht höher als 30 kN sein. Beim zahmeren Schutzlevel 1 liegen die Grenzen bei 35 kN für den Durchschnitt der Schläge und 50 kN für den Einzelschlag.

© Daniel Simon
Härtetest: Knieprotektoren im TÜV Testlabor

Der Praxistest: Auf Trailfahrten checkten wir jeden Protektor auf Tragekomfort, Passform, Handhabung und ließen Sturzerfahrungen einfließen – sofern wir welche gemacht hatten. 

WAS BEDEUTET DIE KURVE?

Gelenkprotektoren: die Dämpfungswerte - (2 Bilder)
So lesen Sie die Kurve der Dämpfungswerte richtig.
© FREERIDE Magazin

Gute Dämpfung: Flache Kurve, stumpfe Spitze bedeuten geringe Restenergie und satte Dämpfung.

© FREERIDE Magazin

Schlechte Dämpfung: Der Schlag rauscht durch den Pad und erzeugt eine hohe Kraftspitze aufs Knie.

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