Indien: MTB-Abenteuer-Reise im Himalaja

Roopkund-Trek: Mit dem Bike auf 5000 Meter

19.12.2019 Geoff Gulevich - Der lange Roopkund-Trek im indischen Himalaja zählt zu den schönsten Wander-Touren der Welt. Er führt zu einem sagenumwobenen See auf 5000 Metern Höhe. Mit dem Mountainbike fährt hier niemand. Oder doch?
Indien: MTB-Abenteuer-Reise im Himalaja
© Bruno Long
Freeride-Profi Geoff Gulevich versucht, so cool auszusehen wie der vergletscherte Mt. Trishul (7102m) im Hintergrund. Mt. Trishul war 1907 der erste Siebentausender, der je bestiegen wurde.

INFO ROOPKUND-TREK

Der Roopkund-Trek gehört zu den schönsten und beliebtesten Wander-Touren im indischen Himalaja. Er führt durch dichte Wälder, an Flüssen vorbei und zwei Tage lang über wunderschöne Almwiesen, bevor er in alpines Gelände ansteigt mit Blicken auf 7000er. Der Trek beginnt in 2500 Metern Höhe und führt in sechs Tagesetappen bis hinauf auf 5300 Meter. Ziel ist der ganzjährig gefrorene See Roopkund mit seinen mysteriösen Knochenfunden. Als Wander-Tour kann der Trek bis zu neun Tage dauern. Momentan ist der Trek allerdings verboten.

Hier gibt's das Video der Mountainbike-Erstbefahrer Hans Rey, Richie Schley und Joscha Forstreuter:

Hans Rey, Richie Schley, and Joscha Forstreuter travelled to the Indian Himalayas. Their goal: to reach the mysterious Roopkund Lake, a glacial lake in the Uttarakhand region, famous for hundreds of ancient human skeletons at its bottom, and to ride down a sheer endless technical downhill over 3,500m/ 11'000ft vertical on trails that nobody has ever ridden before.

Überall Rauch. Ich zog mein Shirt über die Nase, um atmen zu können. Wir alle klammerten uns auf der Ladefläche des Trucks fest, denn wir fuhren mitten durch einen Waldbrand. Irgendwann hielt der Fahrer an, und wir atmeten endlich wieder frische Luft, als wir plötzlich hinter uns Geschrei hörten: Affen! Sie fletschten die Zähne, kreischten und kamen dabei immer näher. Eine ganze Horde griff uns an. Ich trommelte auf das Blechdach des Trucks, bis der Fahrer endlich Gas gab. Wenn so Indien ist, dachte ich – dann gute Nacht, Marie!

Unser Plan sah so aus: Flug nach New Delhi, 20 Stunden Autofahrt nach Norden in den Himalaja und dann auf den Bikes 4000 Höhenmeter in drei Tagen hoch zum Roopkund Lake auf 5000 Metern. Der See wird auch Skelett-See genannt. Ich erzähl’ Euch auch, warum: Im 9. Jahrhundert wurden indische Pilger an diesem See von einem Sturm überrascht. Tennisballgroßer Hagel erschlug in wenigen Minuten 300 Menschen. Heute liegen deren Knochen in oder um den See herum. Diesen mysteriösen See wollten wir erklimmen, den Toten unseren Respekt zollen und dann versuchen, den ganzen Weg zurück ins Tal abzufahren. Klingt einfach, oder?

Erst im Team machen solche Trips Spaß. Meine Dudes sind erste Sahne!

Ich will Euch das Team vorstellen: Mit dabei sind – KC Deane. Der Amerikaner ist eigentlich Profi-Skifahrer und unternimmt ständig Abenteuer-Trips in die ganze Welt. Das und sein gut geschnittenes Gesicht mit eisblauen Augen lassen fast jede Frau vom Barhocker kippen. Sprich: Deane dabei zu haben, zeigt Wirkung!

Mitch Chubey: Er ist das Genie unserer Truppe und einer der scharfsinnigsten Typen, die ich kenne. Sein Allround-Talent auf dem Bike und seine frappierende Fähigkeit, selbst Horror­situationen auf einem Trip wie diesen zu bereinigen, sind total unterbewertet. Bruno Long: Bruno ist ein Zauberer hinter der Kamera und Meister des Backcountrys mit mehr Stunden unter freiem Himmel als der Rest von uns zusammen. Und dann sind da noch Nishant Shah und Rohit Niroula, unsere Kontaktmänner in Indien. Ohne die zwei Dudes hätte gar nix geklappt.

Als wir in Delhi landeten, zwangen uns 48 Grad Hitze in die Knie, und all die Menschen ohne ein Gefühl für respektvollen Abstand. Sie schubsten, grabschten, rempelten, drückten und starrten uns an, als hätten sie noch nie einen Amerikaner gesehen. Die Locals, die wir später auf dem Trip kennen lernten, begegneten uns dagegen äußerst freundlich, nachdem sie feststellten, dass an uns gar nichts besonders war.

Eine Anreise wie aus dem Horrorfilm – und dann sollen wir einen Berg erklimmen?

Wir hatten kaum Zeit zu verschnaufen, denn gleich begann die Autofahrt nach Norden. Erste Etappe: Wir gondelten zehn Stunden lang zum Kos Valley Retreat. Ich machte dabei keine Sekunde ein Auge zu – denn die ganze Fahrt war wie ein ständig bevorstehender Verkehrsunfall. Rinder galoppierten über die Straße, Kinder rannten durch den Verkehr, Greise humpelten zwischen Autos hindurch, Mopedfahrer gerieten ins Schleudern, dazwischen Fahrräder, Motorroller, LKW in allen Größen. Schutzengel machen in Indien Überstunden, so viel steht fest. Irgendwann erreichten wir das Kos Valley Retreat, umgeben von Bäumen voller Affen. Groß, clever, hungrig und aggressiv. Hier passierte der Affenangriff. Das war meine haarigste Wildlife-Begegnung seit Langem. Als wir uns hier auf den Local-Trails einrollten, schaute ich ständig über meine Schulter in Paranoia vor einem weiteren Angriff. Dabei bin ich Kanadier und bike in Wäldern voller Bären. D

och noch mehr Bammel hatte ich vor dem zweiten Teil unserer Autoreise. Noch mal zehn Stunden eingeklemmt zwischen Taschen und Typen in einem klapprigen Auto, bis wir endlich den Himalaja erreichen sollten. Gerade, als ich dachte, schlimmer könne es kaum werden, kurvten wir über Bergpässe. Felsen auf der einen Seite, eine 300-Meter-Klippe auf der anderen – und keine Leitplanke, nur bröckeliger Asphalt. Bei jedem entgegenkommenden Auto blieb mir das Herz stehen. Und es kamen jede Menge Autos. Viele lagen auch zerschmettert am Fuße der Klippe – die Blechknäuel zeugten von all denen, die weniger Glück hatten als wir. Keiner von uns sprach während der gesamten Fahrt. Wir blickten nur umher aus weit aufgerissenen Augen. Endlich in Waan, endlich ging es los. Das nächste Camp sei nur einige Kilometer entfernt, hieß es.

Wir marschierten los. Mal schoben wir die Bikes, mal buckelten wir sie den Berg hoch.

Nur ein paar Kilometer, das würden wir easy vor Dunkelheit schaffen. Doch als wir nach 20 Kilometern in der Nacht immer noch rumstolperten, waren wir richtig sauer. Was sollte der Scheiß? Ich habe keine Probleme damit, wenn’s zäh wird, doch ich muss es wissen! Als wir ankamen, berief ich ein Team-Meeting mit unseren Guides ein, las ihnen die Leviten, dann krochen wir in die Schlafsäcke.

Der nächste Tag brachte frischen Wind in unser Unternehmen, denn nach einer langen Tragepassage konnte wir uns endlich auf die Bikes schwingen und entlang des Hochplateaus cruisen. Hier stießen wir immer wieder auf Berghütten, wo schräge Typen gesalzene Erdnüsse verkauften oder uns eine Nudelsuppe über dem Feuer kochten. Wanderer bestaunten uns, und immer wieder bekamen wir die gleichen Fragen zu hören: Woher? Wohin? Und vor allem: warum?

In der Region Bedni Baugyal erwischte uns ein Hagelsturm. Gottseidank nur mit kleinen Eiskörnern, dennoch hässlich, weil die Temperatur abstürzte. Wir flüchteten in ein Hotel. Das stand zumindest auf dem Haufen aus Steinen und der Plastikplane. Wir konnten darin nur mit angezogenen Beinen hocken – dennoch war es großartig. Hagel trommelte auf die Plane, Wind heulte, doch wir fühlten uns sicher und krabbelten nur kurz raus, um unsere Zelte aufzustellen. Nix wie in den Schlafsack, denn für die nächste Etappe würden wir all unsere Kraft brauchen.

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© Bruno Long
Das kleinste Hotel der Welt? Wir sind dennoch dankbar und verkriechen uns vor dem aufziehenden Sturm unter den Plastikplanen.

"Wir sind jetzt im Schneeleoparden-Land!", sagte unser Guide und grinste dabei schelmisch als er meinen besorgten Gesichtsausdruck bemerkte (ich musste unweigerlich an die Affen denken), und er fügte hinzu: "Er kann Euch sehen, aber Ihr niemals ihn." Puh, das beruhigt!

Hier in über 4000 Metern Höhe wurde alles anstrengend. Fünf Kilo wogen dann plötzlich 25 Kilo. Ich keuchte wie eine Dampflok. Wir begegneten Trekking-Gruppen; manche mit Pferden. Wenn wir uns aneinander vorbeizwängten, scheuten die Pferde vor den Bikes. Hufe wirbelten, Steine flogen, viel Geklappere und Gezeter am Abgrund – ich hasse Pferde, sie jagen mir Angst ein, besonders hier auf diesem schmalen Gebirgspfad.

Auf dem letzten Anstieg nach Bhagwabasa erwischte uns auch noch der Schnee. Nicht dieses dünne Graupelzeug, nein die volle Winterladung. Aus Bergsteigen wurde Bergrutschen. Ich atmete auf, als wir endlich die Ruinen alter Behausungen erreichten. Hier stellten wir unsere Zelte auf, fummelten mit klammen Fingern das Gestänge in die Ösen, während es unaufhörlich aus dem Himmel flockte, bis der Schnee die ganze Landschaft einpackte. Das Thermometer fiel auf minus 9. Wir kuschelten uns in die Zelte, kochten drinnen und unterhielten uns durch die Wände – nach draußen wagte sich nur, wer unbedingt pinkeln musste; es war einfach zu kalt.

In großer Höhe zu schlafen, ist ein Thema für sich. Ich habe das schon öfter erfahren müssen. Ich wachte immer wieder auf und schnappte nach Luft. Mein Körper erholte sich kaum und ich schaffte es nicht, mich ausreichend auszuruhen. Bei der Anstrengung der letzten Stunden hätte ich eigentlich schlafen müssen wie ein Stein. Ich tat es leider nicht und war froh, als das Hin- und Hergewälze ein Ende hatte und es hell wurde.

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© Bruno Long
Wir sind am Knochensee auf 5029 Metern – das Kopfkino beginnt! Hatten die Pilgerer aus dem 9.Jahrhundert denn gar keine Überlebens­chancen? 

Der Skelett-See: endlich! Am nächsten Tag würden wir den mystischen Ort sehen.

Irgendwann wurde das Gelände so steil, dass wir mit den Bikes auf dem Rücken nicht mehr weiterkraxeln konnten – und wollten. Wir verkeilten die Bikes zwischen den Felsplatten und kletterten die letzten 300 Höhenmeter ohne weiter. Das war definitiv Steigeisengelände, und ich schlitterte hier auf den Gummisohlen meiner Bike-Schuhe rum. Kein Grip, kein Halt und Felsabbrüche, wohin ich schaute – ich geriet in Panik! KC und Bruno lachten und stiegen mit einer Leichtigkeit an mir vorbei, dass ich wütend wurde. Doch die zwei haben in ihrem Leben so viel Zeit in Schnee und Eis verbracht, dass sie sich mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegten, während ich wie eine Schildkröte kletterte; die Augen schreckgeweitet. Ich stieg drei Schritte hoch und rutschte zwei zurück – ständig!

Doch langsam kamen wir dem Gipfel näher. Dort oben auf dem Gipfelplateau sollte der Knochensee liegen. Schon bevor ich ihn erreichte, glaubte ich, eine unheimliche Stimmung zu spüren. Einbildung? Nein, es war aufregend und seltsam beruhigend zugleich. Da lag er plötzlich vor mir: der See, an dem so viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Menschenknochen ragen aus dem Schnee. Gruselig – der Gedanke an das Hagel-Massaker ließ mich schaudern. Warum zog uns dieser Platz so an? Wollten wir erfahren, was die armen Teufel hier oben erleben mussten? Oder wollten wir uns ihnen nahe fühlen? Vielleicht war es schlichtweg Respekt diesen frühen Abenteurern gegenüber und das Bestreben, ihre Tradition als Abenteurer fortzusetzen. Unser Trip war eine Homage an all die Gleichgesinnten, die das machen, was sich andere nicht einmal vorzustellen wagen.

Wir zollten Respekt, gaben uns High-Fives und freuten uns auf die lange Abfahrt.

Doch erst rutschte ich mehr auf dem Hintern als auf den Füßen zurück zu den Bikes. Mitch blieb extra hinter mir für die Show und lachte laut auf, wenn ich mich besonders dumm anstellte. Auf dem Bike fühlte ich mich da wesentlich wohler, dennoch rutschten auch die Reifen über die Steine. Mitch Chubey war in Höchstform. Er erwischte meist die beste Linie und ließ selbst die haarigen Passagen etwas flowig aussehen. KC und ich gaben alles, doch so geschmeidig wie "The Chubes" kriegten wir es nicht hin. So kurvten wir in die Tiefe über steile, kniffelige Sherpa-Trails, immer auf der Suche nach der Ideallinie und wohl wissend, dass ein größerer Fahrfehler in diesem Gelände üble Konsequenzen haben würde.

Irgendwo auf dieser 2000-Höhenmeter-Abfahrt überschüttete uns heftiger Regen, Windböen beutelten uns hin und her, doch wir waren zu sehr in Fahrt, um jetzt noch anzuhalten. Dann peng – platt! Gerade jetzt. Meine Freunde wollten mich nicht zurücklassen, die guten Dudes. Ich hätte mich garantiert zurückgelassen – das Ziel so dicht vor Augen. Doch das beste Gelände sollte erst noch kommen: lichter Wald mit Erdboden. Mit vollem Tempo durch einen unbekannten Trail zu ballern, zählt definitiv zu den besten Erlebnissen auf dieser Welt. Kurven, Spitzkehren, kleine

Dropoffs, schnelle Bolzpassagen – das Rennen war eröffnet. Wir ballerten um die Wette, johlten, überholten, quietschen vor Freude – es war elektrisierend. Als wir endlich ankamen, waren wir k.o. Im Ziel mussten wir die Hände förmlich vom Lenker kneten, die Beine übers Oberrohr wuchten. Dann ’ne Runde Coca Cola. Ah, tat das gut! KC rief: "Die nächste Runde geht auf mich!" Wir prusteten vor Lachen und brüllten: "Fuck off, KC!"


FREERIDE Titel 02/2019
© Sterling Lorence
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