Risiko-Erleben im Freeriden

„Leichtsinnig und unverantwortlich“

11.05.2020 Dimitri Lehner - Ulrich Schwarz (56), Freerider und Notarzt aus Oberstdorf spricht über die Lust an der Angst, positives Risikoverhalten, Ur-Instinkte, Dopamin, Hirn-Prozesse und das Glückserleben beim Freeriden.

Wie erklärst du die Angstlust, die mich befällt bevor ich einen Drop wage  – und das geile Gefühl danach, wenn ich es geschafft habe?

Das ist Risiko-Erleben. Risiko beinhaltet die Möglichkeit, dass ein negatives Ereignis passiert. Der Mensch muss ständig Risiken eingehen. Kein Mensch hätte Amerika entdeckt, ohne Risiken einzugehen. Die Evolution hat uns programmiert, dass wir Risiken eingehen – und mit Glücksgefühlen geködert, es zu tun. Diese Glücksgefühle, die so reizvoll sind, dass wir die negativen Folgen der Situation sogar in Kauf nehmen – der Sturz und die Verletzung beim Drop zum Beispiel.

Ist Freeriden Risiko-Sport?

Der Otto-Normal-Bürger kann Freeriden nur schwer einschätzen. Wer den Sport nicht kennt, schüttelt den Kopf, sieht er die Stunts der Red Bull Rampage. Ja, selbst wenn der Laie einen Biker sieht, der über einen 2-Meter-Drop springt. Da fällt sehr schnell der Begriff Extremsport oder Risikosport, weil vermutet wird, dass da ein enorm hohes Risiko im Spiel ist.

© Uli Schwarz
Arzt und Freerider Ulrich Schwarz: „Auf Risiko programmiert.“

Was ist am Vorwurf dran, Freeriden sei leichtsinnig?

Die Gefährlichkeit einer Sportart wächst, je weiter du dich von ihr entfernst. Sprich: In den Augen eines Laien sehen sportliche Aktionen schnell leichtsinnig und unverantwortlich aus. Doch wenn ich als Notarzt zu Sportunfällen komme, sehe ich selten eine Überforderung – da ist dann meist etwas schlichtweg dumm gelaufen. Eine Überschätzung des eigenen Könnens findest du bei Sportlern wie Freeridern eher selten. Freerider wissen meist, was sie können und was sie nicht können.

Das heißt?

Drops springen, über steile Rampen abfahren, Sprünge wagen – das ist ein gesundes Risikoverhalten. Denn du bist dir der Gefahren bewusst. Du hast die Fähigkeiten, die Situation zu meistern. Du hast schon viele Drops gemacht, viel trainiert, um den Stunt zu schaffen. Du kannst folglich sehr gut einschätzen, ob du es kannst oder nicht.

Gesundes Risiko-Verhalten?

Gesundes Risikoverhalten definiere ich so: Du hast einen 3-Meter-Drop zwar noch nie gemacht, dafür aber lange trainiert. Du gehst also ein kalkulierbares Risiko ein. Daraus entsteht Thrill. Denn das Gehirn antizipiert bereits den Erfolg. Botenstoffe im Gehirn erzeugen eine Vorfreude auf den Erfolg.

Warum erzeugen die Botenstoffe Freude?

Die Evolution hat uns programmiert, dass alle lebenserhaltenden Maßnahmen mit Glücksgefühlen belohnt werden. Ob wir unseren Hunger stillen, uns fortpflanzen sollen oder Beute machen müssen bzw. selbst keine Beute werden wollen. Der Mensch war in früheren Zeiten darauf angewiesen, wilde Tiere zu jagen, sich gegen Feinde verteidigen etc. Dazu musste er Risiken eingehen. Diese Programmierung steckt noch immer in uns und wirkt auch bei einem sportlichen Risiko wie dem Drop. Die Motive dafür sind durchweg positiv: Ich will meine Angst überwinden. Ich will mich verbessern. Ich will meinen Handlungsspielraum vergrößern. Dafür sendet das Hirn Botenstoffe aus, die Glücksgefühle erzeugen.

© unbekannt
Höher geht kaum: Meister-Dropper Cam Zink fällt vom hohen Drop-Turm in Chatel. „Die Technik ist die gleiche, ob du nun aus zwei Metern droppst oder aus zehn“, sagt Zink. Das Gehirn belohnt uns nach bestandender Mutprobe mit euphorisierenden Neurotransmittern.

Und wenn jemand sieht wie ich den Drop springe, gibt es noch mehr Botenstoffe?

Richtig, denn damit verbessere ich mich in meiner Bike-Community. Die soziale Anerkennung löst ein längerfristiges Glücksgefühl aus, das in einem anderen Hirnareal stattfindet. Der soziale Zuspruch hält länger an als die schnelle Glücksspitze durch Endorphine nach einem gelungenen Drop. Deswegen ist die Tatsache, dass deine Bike-Buddies dabei sind und dich bewundern ein ganz starker Motivator.

Warum fühle ich mich jämmerlich, wenn ich die Chickenline außen herum genommen habe?

Man hat dir die Belohnung weggenommen. Du hast die Skills, du hast trainiert, fühlst dich der Aufgabe gewachsen, doch hast deine Angst nicht überwunden. Sprich: Es gibt kein Dopamin, also kein Glücksgefühl. Und da du weißt, dass es möglich gewesen wäre, verstärkt sich die Enttäuschung in ein jämmerliches Gefühl.

Unterscheidet sich das Hochgefühl, das sich nach einem Bungee-Jump einstellt und das Hochgefühl, das sich nach einem Drop einstellt?

Ich glaube, dass Menschen Situation wie beim Bungee-Jump suchen, weil sie grundsätzlich zu wenig stimuliert sind. Sie suchen die schnellen Glücksspitzen, da ihr emotionales Grundrauschen zu niedrig ist. Es ist wichtig zu unterscheiden, was ein gesundes Risiko-Verhalten ist und was ein ungesundes. Beim ungesunden fehlen die Skills, um die Situation zu meistern. Du lieferst dich Glück und Zufall aus. Beim gesunden Risikoverhalten besitzt du die Skills und empfindest nach der gemeisterten Situation ein Kompetenz-Erleben. Das Kompetenz-Erleben wird vom Gehirn mit stärkeren Glücksgefühlen belohnt, denn du kannst den Erfolg deinen Fähigkeiten zuschreiben. Im Idealfall erlebst du sogar ein Flow-Gefühl. Dabei verschmilzt du völlig mit der Handlung und dem Moment und vergisst die ganze Welt um dich herum. Denn die Situation überfordert dich nicht, sie unterfordert dich aber auch nicht, sondern sie liegt leicht außerhalb deiner Komfortzone.

© Colin Stewart
Gut gebaute Stunts reduzieren das Sturz-Risiko wie dieses hohe Gap in Saalbach-Hinterglemm. Gute Anfahrt, breite Landung – da kann man das „gesunde Risiko-Verhalten“ erleben ohne Kopf und Kragen zu riskieren.

Nichts macht so glücklich wie ein erfolgreicher Tag beim Trail-Shredden.

Stimmt. Doch wir müssen hier zwischen Glück und Zufriedenheit unterscheiden. Glück ist die Spitze der Zufriedenheit. Glück ist sehr kurzlebig und erklärt sich durch die Endorphin-Ausschüttung. Das Gehirn ist nicht drauf eingestellt, Glück dauerhaft zu erleben. Du kennst die Situation: Du bist in Finale Ligure, ballerst den ganzen Tag in einer Gruppe ähnlich guter Fahrer und schaffst es, einem Fahrer, der besser ist als du am Hinterrad zu kleben. Du bist nicht überfordert, hast keinen Sturz und hältst das den ganzen Tag durch. Am Ende des Tages bist du völlig platt, doch unglaublich zufrieden. Das Feeling kann niemand nachvollziehen, der es nicht erlebt hat. Doch das ist jetzt nicht das Endorphin-Glück nach einem gelandeten Drop, sondern eine tiefere Zufriedenheit.

Warum nimmt die Risiko-Bereitschaft mit dem Alter ab?

Das habe ich mit meinen Sport-Kumpels auch schon oft diskutiert. Ich glaube es liegt daran, dass du mit zunehmendem Alter merkst, dass deine Zeit endlich ist. Ein 20jähriger dagegen denkt sich: Ich habe alle Zeit der Welt! Bricht der Arm, warte der 20jährige eben bis er geheilt ist und dann geht’s weiter. Im Alter weißt du, dass dein Körper Grenzen hat, dass Verletzungen langsamer heilen und dass dein Sport dir so viel Spaß macht, dass du ungern eine Einschränkung bekommst, die dich womöglich auf Jahre abhält, deinen geliebten Sport auszuüben. Deshalb hinterfragst du doppelt, ob der Drop sein muss, der gegebenenfalls die ganze Bike-Saison gefährdet.


Zur Person:

© Uli Schwarz

Dr. med. Ulrich Schwarz ist neben seiner Tätigkeit als Allgemeinmediziner in Oberstdorf auch Notarzt. Ulrich Schwarz ist Kletterer und Enduro-Biker. Zusammen mit Kollegen aus Bamberg und Aachen hat er die weltweit erste Studie zum Thema Eisklettern veröffentlicht.

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