Test-Duell 2019: YT Tues gegen Kona Operator

YT Tues CF Pro Race gegen Kona Operator CR

02.08.2019 Ludwig Döhl - Bikes mit 29-Zoll-Laufrädern haben den Downhill-Worldcup gerockt. Aber was taugen die großen Laufräder abseits der Rennstrecke? Wir fuhren YT mit 27,5er-Laufrädern gegen das Kona mit 29-Zöllern.
Test-Duell 2019: YT Tues gegen Kona Operator
© Moritz Ablinger
Test-Duell 2019: YT Tues (links) gegen Kona Operator (rechts)

29er erobern die Welt. Erst haben die großen Laufräder den Cross-Country-Worldcup belagert, danach haben sie ihren Siegeszug bei Moun­tainbikes mit mehr Federweg fortgesetzt. Egal, ob Hardtail, Trailbike oder Enduro: 29-Zoll-Laufräder gehören mittlerweile zum guten Ton in jeder Mountainbike-Kategorie. Fast jeder. Denn wie die Gallier Asterix und Obelix sich gegen die römischen Unterdrücker auflehnten, wehrten sich die Downhiller jahrelang gegen das sonst so erfolgreiche Laufradmaß. Anfangs waren neben den Rennstrecken des Downhill-Worldcups sogar Schilder mit der Aufschrift "29er are gay" zu lesen. Mittlerweile ist "gay" kein Schimpfwort mehr, und der Widerstand ist in Sympathie umgeschlagen. Vier von sieben Worldcups wurden 2018 auf einem Bike mit 29-Zoll-Laufrädern gewonnen. Die Marketing-Abteilungen der großen Firmen würden die 27,5-Zoll-Laufräder am liebsten ins Familiengrab zu den 26-Zöllern schmeißen. Aber sind die großen Laufräder im Downhiller wirklich besser? Bevor wir uns in theoretischen Abhandlungen verlieren, lassen wir unsere Duellpartner die Frage klären. Hat das YT mit 27,5-Zoll-Laufrädern überhaupt eine Chance gegen Konas Operator 29?

Da ein Duell ’ne ernste Sache ist und ein Teilnehmer dabei meist röchelnd in die Knie geht, haben wir die Bikes für diesen Test mit größter Sorgfalt ausgewählt. Wir wollen uns nicht nachsagen lassen, jemanden leichtfertig in den Tod zu schicken. Um ebenbürtige Partner zu finden, wälzten wir die Ergebnislisten des Downhill-World­cups. Santa Cruz, Commençal, Norco und GT liefern mit ihren erfolgreichen Team-Fahrern zwar den Treibstoff für den Siegeszug der 29er, konnten uns aber kein serienreifes Test-Bike stellen. Nur Kona schaffte es, sein nagelneues Operator Carbon 29 rechtzeitig zu liefern. Immerhin: Der Australier Connor Fearon hat das Bike diese Saison bereits auf Rang zehn im Gesamt-Worldcup manövriert. Rutscht man mit dem Finger eine Zeile weiter im Gesamt-Ranking des Worldcups, landet man bei Aaron Gwin. Der Amerikaner war diese Saison lange verletzt und hat gegen Ende ebenfalls mit 29er-Prototypen hantiert. Seinen einzigen Worldcup-Sieg 2018 fuhr er aber auf seinem YT Tues in 27,5 Zoll ein. Sprich: Beide Duell-Bikes sind erfolgreich im Downhill-Worldcup, beide Bikes sind aus Carbon, und beide Bikes sind brandneu. Das YT kostet 5499 Euro und kommt mit der Post, das Kona kann man für 5999 Euro beim Händler abholen. Ebenbürtiger geht’s kaum. Lassen wir den Showdown beginnen!

Obwohl im YT die vermeintlich todgeweihten 27,5-Zoll-Laufräder stecken, zieht es in der Liftschlange trotzdem alle Blicke auf sich. Sauber im Carbon eingearbeitete Hinterbau-Achsen, formschlüssige Kunststoffschützer an Unterrohr und Kettenstrebe und das goldene Luftfahrwerk von Fox lassen das Kona zumindest optisch alt aussehen. Die massive Wippe und der Alu-Hinterbau des Operators sorgen für weniger Sexappeal. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man die technischen Raffinessen des gelben Riesens. Die Länge des Hauptrahmens (Reach) lässt sich mit Hilfe eines verstellbaren Steuersatzes um zehn Millimeter verstellen. Die extrem kurzen Kettenstreben (427 mm) kann man mit einer Schraube um 13,5 Millimeter verlängern. Ein Flipchip am Hinterbau hält sogar die Möglichkeit offen, die Geometrie des Operators an 27,5-Zoll-Laufräder anzugleichen. Verkauft wird das Bike aber ausschließlich mit den trendigen 29ern.

Das YT hat keinerlei Geometrieverstellung, gewinnt aber dennoch den ersten Schlagabtausch. Denn, als wir die Bikes zum ersten Mal in die Gondel heben wollen, wird sofort klar: Wer das Kona bewegen will, braucht Kraft. Mit 17,1 Kilo wirkt das Operator, als hätte es im Boden vor der Gondel Wurzeln geschlagen. Während sich das YT mit 15,6 Kilo mit Leichtigkeit an den Haken hängen lässt, kullern uns beim 1,5 Kilo schwereren Kona bereits im Tal die ersten Schweißperlen über die Stirn. Das Mehrgewicht lässt sich aber nur zum Teil auf die größeren Laufräder schieben. Denn die sind mit Reifen nur rund 650 Gramm schwerer als beim YT. Der Rest der üppigen Pfunde hängt am Stahlfederdämper und dem wuchtigen Rahmen. Aber wir halten es mit dem Gewicht wie die Boxer. Das Wiegen vor dem Kampf ist lediglich eine Möglichkeit, den Gegner mental zu schwächen. Uns interessiert, wie sich die Bikes in der ersten Runde im Ring schlagen. Also raus aus der Gondel und ab auf die Trails!

Test-Duell 2019: YT Tues gegen Kona Operator
© Moritz Ablinger
Morzine, Geißkopf, Wagrain – wir checkten die Bikes ausgiebig und gewissenhaft. Das Fazit fällt auf allen Strecken gleich aus.

Das YT braucht keine Eingewöhnungsphase. Klar, nach dem Tod der 26-Zöller hatten wir lange genug Zeit, uns mit dem Ersatzmaß 27,5-Zoll vertraut zu machen. Also: draufsetzen und loslegen! Aaron Gwins Einfluss bei der Entwicklung des neuen Tues ist sofort zu spüren, denn das Kohlefasergeschoss aus Forchheim kommt erst bei höherem Tempo in seinen Komfortbereich. Enge Kurven: machbar, aber eher nicht so geil. Highspeed-Geröllfelder: geil! Hat man den Abstimmungswahnsinn des Luftfahrwerks hintersichgebracht, bügeln die Fox-Federelemente alles platt, was sich dem Bike in den Weg stellt. Trotz der kleinen Laufräder hat das Tues einen laufruhigen Charakter. Das geringe Gewicht macht das Handling angenehm intuitiv und bewahrt dem Bike einen Restspieltrieb. Kurz mal über ein Wurzlfeld abziehen: kein Problem. Nur die TRP-Bremse trübt das stimmige Bild. Für Superracer Gwin ist das wohl kein Problem, aber für unsere Fahrkünste hat die TRP zu wenig Bremskraft. Ansonsten gibt’s an Gwins Arbeitsgerät nichts auszusetzen. Oder erschließt uns das 29er-Kona Speed-Sphären, von denen wir mit dem YT Tues noch gar nichts wussten?

Das Operator vereint alles, was derz­eit im Trend liegt: große Laufräder, flacher Lenkwinkel, langer Reach und extrem kurze Kettenstreben. Was die Ingenieure damit bezwecken wollten, ist klar: Das Kona soll auf schnellen Geraden vor Laufruhe strotzen und dank des kurzen Hecks dennoch durch enge Kurven wieseln. In der Praxis geht die Rechnung leider nicht auf. Vom Spieltrieb bleibt auf dem Trail nichts übrig. Wer das Kona um enge Kurven zirkeln will, sollte beim Bankdrücken nicht am eigenen Körpergewicht scheitern. Denn das Handling ist träge. Schnell mal an einer Geländekante abziehen? Fällt eher aus! Der Spaß bleibt auf der Strecke. Die höhere, ungefederte Masse der Laufräder lässt das Fahrwerk weniger schluckfreudig arbeiten als beim YT. Egal, ob auf verwinkelten Trails, Highspeed-Geballer oder in Bikepark-Pis­ten mit hohen Anliegern und Sprüngen – das YT macht einfach mehr Spaß. Abgesehen von der Code-Bremse, hat das 29er-Operator keine Chance gegen das YT Tues in 27,5 Zoll.

Fazit zum Kona Operator CR 29 vs. YT Industries Tues CF Pro Race 

Zumindest dieses Duell gewinnen die 27,5-Zoll-Laufräder eindeutig. Weniger Gewicht bedeutet im Umkehrschluss mehr Spaß auf den Trails. Das neue Tues von YT ist ein Bigbike der Extraklasse und verteidigt so die Würde der kleinen Laufräder.


KONA OPERATOR CR 29

HERSTELLERANGABEN
Vertrieb 
 Kona Sports International, www.konaworld.com
Material / Größen   Carbon / Alu / M, L
Preis / Gewicht ohne Pedale   5999 Euro / 17,1 kg

MESSDATEN
Federweg vorne / hinten
   200 mm / 195 mm
Hinterbausystem   Abgestützter Eingelenker

AUSSTATTUNG
Gabel / Dämpfer Rock 
 Shox Boxxer World Cup 29 / RockShox Super Deluxe Coil RC World Cup
Kurbeln / Schaltung   Sram Descendant / Sram GX DH
Bremsanlage   Sram Code R
Laufräder   Kona-Naben mit Mavic EX 630-Felgen
Reifen   Maxxis Minion DHF 3C Maxx Grip TR DH Chasing 29x2,5 Zoll
Reach   463-472 mm
Stack   627 mm
BB-Drop   -24 mm

PERFORMANCE
Park   3 von 6 PUnkten
DH-Race   4 von 6 Punkten

Test-Duell 2019: YT Tues gegen Kona Operator
© Moritz Ablinger
Mit einem konischen Steuersatz lässt sich die Länge des Kona-Hauptrahmens um zehn Millimeter variieren. Der Lenkwinkel wird bei langer Einstellung einen Grad steiler. Zusätzlich kann man den Hinterbau des Operators von 427 auf 441 Millimeter verlängern. 
Test-Duell 2019: YT Tues gegen Kona Operator
© Moritz Ablinger
Wandlungsfähig: Am Gelenk zwischen Wippe und Sitzstrebe lässt sich mit einem Flipchip die Geometrie des Kona Operators an 27,5-Zoll-Laufräder anpassen. Ausgeliefert wird das Bike aber ausschließlich mit 29ern.
Test-Duell 2019: YT Tues gegen Kona Operator
© Moritz Ablinger
Kona Operator CR 29

YT INDUSTRIES TUES CF PRO RACE

HERSTELLERANGABEN
Vertrieb 
  YT Industries GmbH, www.yt-industries.com
Material / Größen   Carbon / S, M, L, XL, XXL
Preis / Gewicht ohne Pedale   5499 Euro / 15,2 kg

MESSDATEN
Federweg vorne / hinten
   200 mm / 200 mm
Hinterbausystem   Viergelenker

AUSSTATTUNG
Gabel / Dämpfer Rock 
  Fox 40 Float Factory / Fox Float X2 Factory DKKW
Kurbeln / Schaltung   E13 LG1R Carbon/ Sram XO1
Bremsanlage   TRP Quadiem G-Spec
Laufräder   E13 LG1R Carbon-Systemlaufradsatz
Reifen   Onza Aquila DHC RC2 45a 27,5x2,4 Zoll
Reach   458 mm
Stack   604 mm
BB-Drop   22 mm

PERFORMANCE
Park   5 von 6 PUnkten
DH-Race   6 von 6 Punkten

Test-Duell 2019: YT Tues gegen Kona Operator
© Moritz Ablinger
YT und Kona schützen ihre Carbon-Rahmen vor fiesen Steinschlägen mit formschlüssigen Kunststoffteilen. YT klebt gefährdete Stellen zudem mit durchsichtiger Lackschutzfolie ab.
Test-Duell 2019: YT Tues gegen Kona Operator
© Moritz Ablinger
Mag sein, dass die TRP Quadiem mit Aaron Gwinn schon etliche Worldcups gewonnen hat, mit unserem Fahrkönnen war sie allerdings überfordert. Die Bremskraft des YT Tues haut uns nicht vom Hocker, und nach einer Woche in Morzine war die hintere Bremsscheibe ausgeglüht. Aus der Entlüftungsschraube am Bremssattel ist zudem Öl ausgetreten. 
Test-Duell 2019: YT Tues gegen Kona Operator
© Moritz Ablinger
YT Industries Tues CF Pro Race

FREERIDE-RANKING: Die Zahl (maximal 10 Punkte) gibt den Gesamteindruck der Tester wieder und ist keine Addition von Park- und Race-Punkten. 10 = Testsieger, besser geht nicht. 9 = sehr gut. Kaufempfehlung. 8 = solide Leistung. 7 = unter Durchschnitt. Das Produkt hat Schwächen. 1 bis 6 = Davor können wir nur warnen!


FREERIDE Titel 4/2018
© Christoph Breiner
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