Test 2017: Liteville 601

Superenduro: Liteville 601 im Praxistest

12.12.2017 Chris Schleker - Neuer Wein in alten Schläuchen – wer macht denn so was? Sieht doch keiner! Den Liteville-Jungs ist das Wurst. Alles neu: Geo, neues, revolutionäres Sattelstützenkonzept, Kinematik, Rohrsatz, Laufräder...
Test 2017: Liteville 601
© Colin Stewart
Superenduro Liteville 601: Tritt sich gut bergauf, fährt sich saugut bergab. In der vierten Entwicklungsstufe ist das 601 nah dran am optimalen Do-it-all-Bike.

Als das 601 vor einigen Jahren auf den Markt kam, war es einzigartig: Ein Enduro mit Federwegen und Geodaten wie ein fetter Freerider – das hatte kein anderer Hersteller im Angebot. Aber moderne Enduros fahren sich vermehrt wie kleine Downhiller. Damit hat das 601 Konkurrenz bekommen. 2016 war es in unserem Vergleichstest mit seinem kurzen Reach, dem hohen Tretlager und leicht bauchiger Kennlinie etwas "hinten dran". So was hört ein ausgewiesener Perfektionist wie Firmenchef Jo Klieber natürlich nicht gern: Er hat das 601 vom Ausfallende bis zum Steuersatzdeckel neu aufgesetzt. Herausgekommen ist ein Bike, bei dem jede einzelne Neuerung eigentlich für ein zusätzliches Modelljahr gereicht hätte: Das MK4 ist deutlich länger und tiefer, die Reifenfreiheit ist dank eines speziellen Tret­lageryokes und eines vorverlegten Sitzrohres gewachsen (2,6er-Schlappen passen rein). Gleichzeitig ist die Kettenstrebe kürzer geworden. Eine neue Wippe soll die Kennlinie linearer machen. Die voll integrierte Eightpins-Teleskopstütze ist einzigartig in Hub, Idee und Ausführung. Ihr spezieller Setback-Kopf gleicht das vorverlegte Sitzrohr aus, der 33-Millimeter-Durchmesser macht sie extrem steif. Außerdem wurden die Züge komplett längungsfrei nach innen verlegt, der Rahmen für Metric-Dämpfer und Di2-Elektronikschaltung kompatibel gemacht. Geblieben ist die sonst fast manische Perfektion: selbstklemmende Schraubenköpfe am Dämpferauge, an die Rahmengröße angepasste Kettenstrebenlänge und Dämpferposition, Sondereditionsreifen von Schwalbe, Ersatzschaltaugenschraube im Yoke, Geoverstellung an Dämpferaufnahme und Steuerrohr, komplett neue Carbonlaufräder und die wohl hochwertigste Lenker-Vorbau-Kombi am Markt – wow!

Zur Übergabe ist Liteville im Dreierteam angerückt. Nicht nur, um stolz alle Neuerungen zu erklären, sondern auch, um den Prototyp der Stütze auf meine Schrittlänge anzupassen. Die Konstruktion mit gedämpfter Gasdruckkartusche muss einmalig über Shims auf den maximal möglichen Hub für den jeweiligen Fahrer eingestellt und die Sattelstütze entsprechend gekürzt werden. Bei meiner zwergigen 77er-Schrittlänge und Rahmengröße M kommt das System auf beachtliche 160 Millimeter Absenkung. Größere Menschen können bis zu 220 Millimeter ausschöpfen und das bei einem Systemgewicht von unter 500 Gramm! Ebenfalls extrem leicht sind die neuen Carbonlaufräder. Die Felge soll nur knapp über 400 Gramm wiegen, der gesamte Laufradsatz mit neuen Boost-Naben und 28 (selbst entwickelten) Speichen kommt auf gerade mal 1590 Gramm – mit voller Bikeparkfreigabe. Schöne neue Welt?

Test 2017: Liteville 601
© Colin Stewart
Liteville 601

Zehn Tage gaben mir die Liteville-Mannen Zeit, das 601 MK4 auf Herz und Nieren zu prüfen. Aussagen über die Langzeitfunktion der Stütze lassen sich da natürlich noch nicht machen. Aussagen über die Funktion des Bikes aber sehr wohl. Die neue Geo hat zu einem verhältnismäßig hohen Stack geführt. In der tiefen Tretlagerposition fuhr ich das Rad deshalb ohne Spacer unter dem 50er-Vorbau. So saß ich ausgewogen mit genug Druck auf dem Vorderrad für steile Anstiege. Das konkurrenzfähige Gewicht und die leichten Laufräder helfen bergauf genauso wie die antriebsneutrale Kinematik. Im Sitzen sehr ruhig und hoch im Hub, im Sprint ebenfalls erstaunlich stabil. Nur im stumpfen Wiegetritt pumpt es hubgemäß. Die Eightpins-Stütze hat null Spiel und arbeitet genau mit der richtigen Ausfedergeschwindigkeit. Das fette, biegesteife 33er-Sitzrohr fügt sich perfekt in die robuste Optik des Bikes. Die exklusiven 2,5er-Reifen mit sehr weicher Gummimischung sind aber eine extreme Wahl. Der breite Magic Mary rollt gerade hinten zäh und nutzt sich erfahrungsgemäß sehr schnell ab.

Bergab gibt es dafür kein Halten mehr: Das 601 MK4 ist ein ganz anderes Kaliber als der Vorgänger. Die lange und tiefere Geo gibt viel Sicherheit und das Fahrwerk liegt richtig satt. Dabei tendiert es nicht zu sehr in Richtung Mini-Downhiller, sondern bleibt überraschend handlich und geht leicht aufs Hinterrad. Auch gelungen: Die Kinematik entlockt dem Heck sehr linear die 180 Millimeter Hub und ist so variabel tunebar. Mit 33 Prozent Sag wird das Heck enorm plüschig, ohne in Kompressionen durchzusacken. Mit 25 Prozent wird es racig mit direkterem Feedback, nutzt den Federweg aber dennoch effektiv. Eine gelungene Endprogres­sion verhindert harte Durchschläge. Ideal gelingt so die harmonische Abstimmung mit der Lyrik an der Front. Egal ob Rennteilnahme, Bikepark oder Abenteuertouren, das 601 passt in alle Einsatzbereiche. Bis auf etwas allroundtauglichere Reifen gibt es da nichts zu verbessern. 


Fazit von Christian Schleker, FREERIDE Tester (47, 172 cm, 69 Kilo):
"Beim 601 MK4 hat Liteville viele sinnvolle Entwicklungsschritte in ein altbekanntes Gewand gepackt und das Bike damit wieder voll konkurrenzfähig gemacht – ohne es zu sehr zum Mini-Downiller zu mutieren. Die voll integrierte Sattelstütze ist ein Meilenstein. Die moderne, variable Geometrie und das tolle Fahrwerk lassen wenig Wünsche offen, dazu kommen elegante Detaillösungen und konkurrenzfähiges Gewicht. In einem Langzeittest werden wir Bike, Laufrädern und Stütze weiter auf den Zahn fühlen. Wenn alles über Monate so gut funktioniert wie hier, ist das 601 MK4 ein absolutes Superenduro!"

Chris Schleker
© Colin Stewart
Chris Schleker, FREERIDE Tester

Liteville 601 MK 4 (Prototyp)

Herstellerangaben
Vertrieb
   Syntace GmbH
Info   www.liteville.com
Material/Größen   Aluminium / S, M, L,XL
Preis/Gewicht ohne Pedale   6920 Euro / 13,4 kg

Messdaten
Federweg vorn/hinten
   180 mm / 180 mm
Hinterbausystem   Viergelenker/Horstlink

Ausstattung
Gabel/Dämpfer 
  RS Lyrik Solo Air RCT3 / RS Vivid Air
Kurbeln/Schaltung   Sram Eagle X01 / Sram Eagle X01
Bremsanlage  Sram Guide Rsc
Laufräder  Syntace C331 Carbon Systemlaufradsatz
Reifen   Schwalbe Magic Mary 2,5 Vert Star TLE
Reach   430 mm
Stack   618 mm
BB-Drop   - 9 mm

Test 2017: Liteville 601
© FREERIDE Testabteilung
Liteville 601
Test 2017: Liteville 601
© FREERIDE Testabteilung
Liteville 601

FREERIDE Titel 2/2017
© Sven Martin

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