Test 2017: Quarq ShockWiz Mess-System

SRAM Fahrwerkscomputer: Leichtes Set-up?

02.11.2017 Christian Schleker - Downhill-Profis nutzen schon länger Messsysteme an ihren Federelementen, um das Fahrwerk optimal ans Gelände anzupassen. Jetzt bringt SRAM ein Gerät für Freizeitbiker auf den Markt.
Test 2017: Quarq ShockWiz Mess-System
© Tobias Woggon
Schneller unterwegs dank ShockWiz? Das System kann wirklich helfen, das Fahrwerk besser zu machen. Aber so simpel, wie wir anfangs glaubten, ist die kleine schwarze Box nicht.

Moderne Federelemente, gerade die hochwertigen, sind komplexe Systeme – und eigentlich ein Alptraum für Menschen, die in erster Linie einfach Sport in der freien Natur treiben wollen: Knöpfe an allen Ecken und Enden, welche für Druck- und andere für Zugstufenverstellung und die auch noch getrennt für unterschiedliche Einfedergeschwindigkeiten. Neuerdings soll man sich auch Gedanken über die optimale Kennlinie machen, Progressionskurven, Sag-Empfehlungen – Nerd-Tech vom Feinsten. Aber man muss sich damit beschäftigen, wenn das teuer erkaufte Bike sein Potential ausschöpfen soll. Zum Glück bieten heute viele Hersteller Grund-Set-up-Empfehlungen an, die für den Großteil der Kundschaft gute Ergebnisse liefern.

Aber in Zeiten des allgemeinen Perfektionswahns, in denen kein Mensch mehr ohne schlechtes Gewissen Weißmehlprodukte konsumieren mag und Trainingsapps bereits den Weg zum Büro in einen Stresstest verwandeln, reichen "gute" Ergebnisse natürlich nicht. Und deshalb hat SRAM jetzt mit ShockWiz das ultimative Gadget für den selbst auferlegten Perfektionsdrang parat. Der kleine schwarze Kasten ist eine elektronische Abstimmhilfe, die während der Fahrt fortwährend den Luftdruck in Gabel oder Dämpfer misst. In Kombination mit einem Beschleunigungssensor werden Sag-Werte, Federwegsausnutzung, Rebound-Geschwindigkeit und Kompressionseinstellungen analysiert. Hat ShockWiz genug Daten gesammelt, schickt es über Bluetooth Einstellungsempfehlungen an die dazu gehörende Handy-App. Rocket Science!

Das System ist schnell montiert: mit zwei Kabel­bindern zippt man den wenige Gramm schweren Plastikkasten an Gabelbrücke oder Dämpfer-Body und verbindet den Hochdruckschlauch per Schraubkopf mit dem Ventil. Anschließend muss man ShockWiz app­gesteuert kalibrieren. Das heißt Luft ablassen, Gabel mehrmals zusammendrücken und wieder maximal auseinanderziehen. So ermittelt der Sensor die Grunddaten, anhand derer er messen kann, wie sich die Federung verhält. Anschließend stellt man das empfohlene Grund-Set-up der Federgabel oder des Dämpfers wieder her, startet in der App eine "Session" und fährt los. Naja, fast. Bevor ShockWiz Verbesserungsvorschläge machen kann, muss man nämlich noch das Setting wählen, in dem man optimieren möchte. Es gibt vier Modi in hippem Englisch: efficient, balanced, playful und aggressive. Die App gibt für jeden Modus eine Definition: Effizient heißt eher straff, ausbalanciert soll eine Art Kompromiss aus gutem Ansprechverhalten und wippfreier Federung sein, verspielt zielt in die gleiche Richtung, aber mit mehr Popp, und aggressiv setzt auf maximale Federwegsausnutzung. Eigentlich würde ich ja – wie es bei uns verwöhnten Testern so ist – gerne alles gleichzeitig haben, aber diese Option sieht ShockWiz leider nicht vor. Dann halt "aggressiv". Jetzt aber los.

Test 2017: Quarq ShockWiz Mess-System
© Tobias Woggon
Ready for Take-off: Zwei Kabelbinder, ein Schlauch zum Luftventil, fertig ist der Hightech-Federprüfstand made by SRAM.

Wir haben von SRAM für den Test gleich zwei ShockWiz-Einheiten bekommen und die an einem Enduro mit RockShocks Lyrik RCT3 und Monarch Plus RT3 montiert. Das Rad hatte ich zuvor einige Zeit im Testbetrieb und die Federung nach Herstellerempfehlung, aber am oberen Ende der für mein Gewicht empfohlenen Skala abgestimmt. Vorne nur knapp 20, hinten 30 Prozent Sag. Die Zugstufe eher schnell, die Low-Speed-Druckstufe (LSD) der Gabel zwei Klicks geschlossen (von 7). Nach meinem Empfinden war ich damit bei hoher Geschwindigkeit in teils flowigem, teils verblocktem Gelände gut unterwegs: stabil im mittleren Hub und mit knapp ein Zentimeter Restfederweg vorne als Reserve. Der Popometer würden sagen, eher "playful"-Modus und da bestimmt 120 Prozent Score für optimale Federwegsausnutzung. Aber was sagt der schwarze Kasten? Bekommt das, was ich hier gut finde, seine Zustimmung? Oder zeigt die hochmoderne Messtechnik per App, dass wir Tester in Wahrheit Vollhonks sind, die große Töne spucken, in Wahrheit aber von Tuten und Blasen keine Ahnung haben?

Mit Angstschweißperlen auf der Stirn sause ich gen Tal. Das System braucht einige Zeit auf dem Trail, bis es genug Daten gesammelt hat. Ich stoppe nach etwa zwei Kilometern, um ein erstes Feedback zu bekommen. Laut App nutzt diese Einstellung die Möglichkeiten des Fahrwerks nur mit einem Score von 76 Prozent! Jetzt gibt es zwei Optionen: Auf "playful" wechseln, damit ich mein Gesicht wahre im Score-Ranking-Gepose, oder schauen, wohin die Reise geht, wenn ich den Tipps des digitalen Besserwissers folge. Da ich eher straff abgestimmt hatte, überrascht das suboptimale Ergebnis ja erstmal nicht. Aber werden die empfohlenen Einstellungen das Set-up positiv in die Richtung verändern, die der Modus verspricht? ShockWiz empfiehlt vorne via Balkendiagramm weniger Luftdruck, Reduzierung der Tokens in der Luftkammer und mehr LS-Druckstufe. Hinten soll ich ebenfalls den Luftdruck reduzieren und die LS-Druckstufe erhöhen. Das geht beim RockShox Monarch Plus RT3 nur in sehr groben Schritten – und die würde ich eher nicht anwählen, um ein sensibles Fahrwerk zu haben, das den Federweg nutzt. Aber ich habe ja auch keinen Chip im Hirn. Nach der Anpassung vorne wie hinten starte ich die nächste Session und fahre die gleiche Strecke nochmal. Ergebnis: Vorne 82 Prozent, hinten 74 Prozent, die sich aber gerade am Heck laut meinem Popometer eher wie 50 Prozent anfühlen. Mit den Tipps für vorne (noch weniger Luftdruck und maximale LS-Druckstufe) liege ich jetzt am unteren Ende des vom Hersteller empfohlenen Luftdrucks für mein Körpergewicht. Die Kombi mit maximal zugedrehter LS-Druckstufe hätte ich so nie gewählt, aber das Ergebnis ist angenehm zu fahren und nutzt, wie versprochen, den gesamten Federweg aus. Das entspricht der Modus-Definition.

Hinten ist plötzlich von weniger LSD, noch weniger Luftdruck (fast 40 Prozent Sag!) und mehr Highspeed-Druckstufe die Rede? Dass es die am Dämpfer gar nicht gibt, zeigt, dass ShockWiz entweder total bescheuert, oder aktuell nur für komplexe High-End-Dämpfer à la Fox X2 oder Cane Creek Double Barrel Air geeignet ist. Ich tippe auf letzteres und funke SRAM an, um die Plastikwürfel für weitere Testmonate zu erbetteln. Denn für heute habe ich genug vom App-Gestarre und Rumgepumpe. Jetzt will ich Spaß haben, egal mit welchem Score! Und dafür reicht das Grund-Set-up allemal.

Fazit: Irgendwie finden wir die Idee vom digitalen Federwegs-Butler schon geil und an der Gabel ließ sich tatsächlich ein richtig guter Fahrwerkszustand finden. Aber besser, als das vom Hersteller empfohlene Grund-Set-up war er nicht – nur anders. Also cool? Ich verweigere die Aussage und setze den Test fort, mit komplexeren Dämpfern und Gabeln mit extra vielen Knöpfen! Ihr hört von uns.

Mehr Info unter: www.quark.com/shockwiz


Marcus Klausmann
© Tobias Woggon
Marcus Klausmann, Vollblut-Racer

Marcus Klausmann, Vollblut-Racer:
Meinung 1:
"Ich war positiv überrascht. ShockWiz liegt erstaunlich richtig. Auf meiner 2-Minuten-Standardstrecke habe ich auf meiner ersten Fahrt einen Score von 94 Prozent erreicht – ShockWiz schlug mir vor, meine Highspeed-Druckstufe etwas softer einzustellen. Das schien auch für mich schlüssig."
Meinung 2:
"Auf Touren verfälscht ShockWiz die Werte. Es funktioniert hauptsächlich auf kurzen Strecken, die vom Profil sehr ähnlich sind. Für Hobby-Rennfahrer, Händler und Tech-Nerds mag das Gerät sinnig sein. Der Mehrwert für Biker mit einem ohnehin sensiblen Popometer hält sich in Grenzen."


FREERIDE Titel 1/2017
© Ale di Lullo
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