Test 2016: E-Bikes für Freerider

Speed up your life: 6 Freeride-E-Bikes im Test

30.11.2016 Dimitri Lehner - Freerider hatten noch nie Berührungsängste. E-Bikes schrecken uns also nicht. Sie machen uns neugierig! Treibt der Motor nur das Gewicht oder auch den Funfaktor nach oben? Wir haben 6 E-Bikes getestet.
Test 2016: E-Bikes für Freerider
© Wolfgang Watzke
Von vielen als Sport-Rollator, Seniorenheim-Flitzer, Schummelbike diskreditiert, entwickelt die neue Generation der E-Bikes verdammt viel Spaß. Nur die Akku-Leistung fällt bisher noch zu mickrig aus. Nach 1200 Höhenmetern ist spätestens Schluss.

ikes testen ist eine ziemlich simple Angelegenheit: Rad geschnappt, losgefahren. Bei unserem E-Bike-Test ist das anders. Hier sehen wir uns mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Wir hantieren mit Ladegeräten, drücken an Display-Knöpfen, checken Akku-Vorräte und knipsen Schalter an und aus. ("Weißt du, wie man diesen Motor startet?") Und dann sind da noch die bisher unbekannten strategischen Aspekte: "Schaffen wir es überhaupt zwei Mal hoch?" Gerade diese Frage, will man richtig beantworten, denn blinkt der Akku, funkt auch der Fahrer SOS. E-Bikes sind schwer, also: richtig schwer! Über 22 Kilo durchs Gelände zu treten, ist eine Qual.

Die Testergebnisse dieser E-Bikes findet ihr im Artikel:

• Cube Stereo 160 Hybrid 160 HPA
• Haibike Xduro Nduro Pro
• Lapierre Overvolt SX 800
• Moustache Samedi Race 7
• Rotwild RE+
• Specialized Turbo Levo FSR Expert

Aber nicht nur die Vorbereitung einer E-Bike-Tour ist eine Herausforderung, auch die Kollegen machen’s uns nicht einfach. "Das ist doch kein Fahrrad!" BIKE-Asket Henri Lesewitz ist nicht zu bremsen: "Es gibt nichts Peinlicheres als E-Bikes!" Wir schieben unsere Elektro-Boliden vorbei an Henris Hasstiraden: "E-Biken ist die Kapitulation als Mensch!" ruft er uns noch hinterher. Okay, E-Bikes polarisieren, so viel ist klar geworden.

Wir schnurren los, doch schon beim Trail-Einstieg flackert auf dem Display eine Fehlerwarnung auf: Error 370, bitte bei der Service-Stelle melden! Also wieder retour. Gott sei Dank ist Henri bereits zu seiner Bike-Runde aufgebrochen. Statt Hasstiraden nur mitleidige Blicke von Fußgängern. Wir wuchten mit Muskelschmalz den defekten Bock zurück ins Office. Der zweite Versuch klappt. Und siehe da: Die E-Enduros verwandeln die Isartrails zur Rennstrecke. Besonders Bergauf-Passagen machen plötzlich Spaß – wir fliegen Anstiege hoch, wo wir sonst mit rotem Kopf stecken bleiben und brettern über Wurzelteppiche. Zwei Dinge bremsen allerdings die Euphorie: Ist das Motorlimit von 25 km/h erreicht, kurbelt man besonders bei den Bosch-Antrieben (Haibike, Moustache, Cube) vor eine Mauer. Plötzlich muss man gegen den Motor-Widerstand antreten. Nervig! Das ist beim entkoppelten Brose (Rotwild, Specialized) besser gelöst.

Test 2016: E-Bikes für Freerider
© Wolfgang Watzke
 No Limits: Bergab sind die Elektro-Boliden ähnlich spaßig wie konventionelle Enduros. Durchs Gewicht und den tiefen Schwerpunkt liegen sie satt auf dem Trail. Bunnyhops über Baumstämme werden allerdings zum Nervenkitzel und Kraftakt!

Spaßbremse Nr. 2: Ein Gewicht von zirka 22 Kilo tötet den Spieltrieb. Der Bunnyhop mutiert zum Nashorn-Sprung und selbst dünne quer­liegende Bäume lassen Adrenalin sprudeln. Wer’s ohne Arschtritt drüber schaffen will, muss am Lenker ziehen, als ging es ums Überleben. Das ist ein bisschen wie Parkour-Running mit Skischuhen! Auf den gewellten Isartrails sind wir mit allen Motorleistungen zufrieden. In dem schnellen Auf und Ab über Single­trail sticht das Specialized besonders hervor und erfreut mit einem Handling, das einem konventio­nellen Bike am nächsten kommt. Zwischenfazit: Die Trailrides machen verdammt viel Spaß, obwohl man nicht ganz so verspielt durch den Trail wieseln kann.

Im steilen alpinen Gelände werden die Karten allerdings neu gemischt – hier spielen die starken Bosch-Motoren ihre Vorteile aus. Wo man mit anderen gerne mal hängenbleibt, monstertruckt das Bosch-Bike selbstbewusst drüber. Schaltet man auf steilen Forststraßen-Anstiegen gar auf den Turbo-Modus, fliegt man förmlich bergauf, schreckt Wanderer mit heruntergelassener Hose auf, oder wird unverdient dafür bejubelt, dass man im Jan-Ullrich-Tempo zur Almhütte düst.

Test 2016: E-Bikes für Freerider
© Wolfgang Watzke
Vorsicht: Hochspannung! Zugegeben: E-Bikes sind schwer. Sie wiegen so viel wie ein Specialized Demo vor 10 Jahren. Doch sobald die Schwerkraft an den Moppelchen zerrt, gibt’s kein Halten mehr. Hier scheucht Tester Chris Schleker das Hai-Bike über den Samerberg-Drop, während das Lapierre durch die Anlieger prescht. 

Die größte Überraschung erlebt das FREERIDE-Testteam auf dem Tschilli-Trail in Latsch, wo wir unmittelbar zuvor bereits die konventionellen Enduros gecheckt hatten. Danach dümpelt die Motivation der Testfahrer irgendwie vor sich hin, keiner hat mehr so recht Lust auf die E-Bikes. Zu Unrecht, wie sich sehr schnell herausstellt: Alle Bikes liegen satt auf dem Trail und lassen sich ähnlich spritzig fahren wie die motorlose Fraktion. Hier erweist sich das Mehrgewicht sogar als Vorteil, denn die Bikes mit ihren tiefen Schwerpunkten walzen mit enormer Sicherheit ins Tal. Die hubstarken Räder wie Haibike, Lapierre und Rotwild punkten in der Downhill-Wertung besonders. (Unser Downhill-Ranking: 1. Rotwild 2. Lapierre 3. Haibike.) Das Haibike verfügt über das potenteste Fahrwerk, leidet aber etwas unter der gedrungenen Geo. In Größe L hätte es vermutlich den Spitzenplatz errungen.

FAZIT: E-Bikes verleihen dem Jedermann-Biker Superhero-Kräfte, die sonst nur Power-Athleten vorbehalten sind. Das ist Schummeln, ohne Frage, macht aber verdammt viel Spaß. Allerdings muss die Akku-Leistung gesteigert werden, sonst reicht der Saft nur für eine größere Tour und macht die Planung zum Pokerspiel. Auch die klobigen Displays passen nicht zum sportlichen Charakter der Bikes. Weg damit!

Test 2016: E-Bikes für Freerider
© Wolfgang Watzke
Display-Vergleich: Yamaha (links) und Bosch

E-COCKPIT VERGLEICH


Yamaha (links): Nur das Lapierre wurde mit dem Yamaha-Antrieb ausgerüstet. Das Display wirkte besonders fragil. In unseren Augen sind die großen Schalttafeln überflüssig – besonders in der Klasse der geländegängigen Enduros. Splittert das Display bei Sturz, ist der Spaß schnell vorbei.

Bosch (rechts): Auch Bosch setzt auf eine klobige Schalttafel am Lenker. Sie wirkt wesentlich robuster als die des Yamaha-Antriebs, dennoch gefielen uns sie dezenten Lösungen von Rotwild und Specialized wesentlich besser – ohne Traffo-Häuschen am Lenker bleibt die sportliche Optik eines Mountainbikes erhalten.

FREERIDE Titel 1/2016
© Stef Candé
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