Enduro Duell 2017: Test Pivot gegen Merida

Pivot Firebird Pro / Merida One Sixty 7000

14.11.2017 Christian Schleker - Wer beim Begriff „Enduro“ mittlerweile Pickel kriegt, kann gleich weiterblättern. Allergiefreie Leser sollten dran bleiben. Hier definieren sich zwei Extreme: Mini-Downhiller oder fettes Trailbike?
Enduro Duell 2017: Test Pivot gegen Merida
© Tobias Woggon
Pivot Firebird Pro XT/XTR (links) gegen Merida  One Sixty 7000 (rechts)

Eigentlich sollte ein Duell fair sein. Vor 150 Jahren kriegten die Kontrahenten je eine Pistole mit einem Schuss, gingen ein paar Schritte und dann blieb am Ende halt der stehen, der besser zielen konnte. Peng! Aber beide hatten die gleiche Wumme. So war das auch bei diesem Duell gedacht. Deshalb haben wir das hochwertige Merida One-Sixty 8000 bestellt, weil da für knapp 6000 Euro die besseren Federelemente von RockShox, die SRAM Eagle und DT-Carbonlaufräder drin stecken. Schließlich sollte das brandneue Carbon-Enduro gegen das Pivot Firebird mit der Fox 36 Float Factory antreten. Zum Test kam aber das 7000er mit einfacher Lyrik Solo Air RC. Die ist gut, aber erfahrungsgemäß – um im History-Duell-Bild zu bleiben – nicht ganz so leistungsfähig wie die Pistole vom Kontrahenten. Das ist schade, aber in unserem Fall glücklicherweise nicht tödlich. Und auch das Pivot hat Glück gehabt, denn für über 3000 Euro weniger bekommt man bei Merida bereits die fast identische Ausstattung geboten: DT E-1700-Laufräder, Shimano-XT-Schaltgruppe und -Bremsen. Gut, das Pivot protzt mit XTR-Schaltwerk und entflieht dem Einheitslook mit RaceFace-Kurbel, aber funktional merkt man da nix. Da müssen schon andere Werte im roten Feuervogel stecken, damit sich die Tausende Euro Mehrpreis lohnen.

Ein wichtiger Wert bei Enduros ist ganz klar das Gewicht. Früher musste man nur einen Blick aufs Preisschild werfen und zumindest diese Sache war klar: Teurer ist leichter. Punkt. Bei Pivot und Merida herrscht Gleichstand auf der Waage. Dabei ist das günstigere One-Sixty 7000 nicht sensationell leicht, sondern das teure Firebird eher durchschnittlich schwer. Okay, im Ami hängt der Fox-X2-Dämpfer, der etwas massiver ist als der Super Deluxe RC3 im Merida. Aber das alleine macht vielleicht 200 Gramm aus. Folglich müssen die Rahmen auf ähnlichem Gewichtsniveau liegen. Überraschen tut das nicht, denn auch wenn Merida kein Premium-Image hat, sind die Taiwanesen Experten in Sachen Carbon und dazu ein Herstellungsriese, der laut Wikipedia jeden Monat schlappe 72.000 Fahrrädern baut. Dagegen ist Pivot ein Zwerg. Dem One-Sixty-Rahmen sieht man die Power des Unternehmens und die Erfahrung mit unterschiedlichen Werkstoffen an: schön verarbeitet, mit innenverlegten Zügen, sauberen Leitungsverschlüssen und schicker matt glänzender Lackierung wirkt der Hauptrahmen sehr hochwertig. Wippe und Heck sind aber aus Aluminium; der Hinterbau ist als abgestützter Eingelenker ausgelegt. Die Entwickler verbauen einen Dämpfer mit Trunnion-Aufnahme am oberen  Ende, um bei kürzerem Baumaß und gleichem Hub das Oberrohr möglichst weit absenken zu können. Die Schrittfreiheit ist entsprechend groß und Platz für eine Trinkflasche bleibt trotzdem. Ideal. Pivot setzt im Gegenzug auf einen Vollcarbonrahmen mit DW-Link – ein virtuelles Drehpunktsystem, bei dem der Hinterbau über zwei sehr kurze Hebel mit dem Hauptrahmen verbunden ist. Die Zugeingänge sind sowohl für klassische Kabel als auch für Leitungen der Shimano Di2 vorbereitet. Platz für eine Flaschenhalterung im Rahmen gibt es unter dem dicken Fox-Dämpfer leider nicht. Für Rucksackhasser ein No-go. Bedenkt man aber den hohen technischen Aufwand, der aus der Konstruktion eines Carbonhinterbaus resultiert, geht der Punkt für den schickeren Rahmen zumindest aus Liebhabersicht an das Pivot. So unterschiedlich die Hinterbaukonzepte, so ähnlich sind sich die Geodaten: Beide Bikes haben einen sehr langen Reach und Lenkwinkel um 65 Grad. Das One-Sixty hat das tiefere Tretlager und einen deutlich steileren Sitzwinkel. Der Stack-Wert ist quasi identisch. Beide Bikes sind also hochmodern und zumindest theoretisch gleich leistungsfähig.

Die Abstimmung gelingt über die Herstellervorgaben schnell und passend. Die erste Abfahrt machen wir mit dem Pivot und sind schon nach wenigen Metern hellauf begeistert. Das knallrote Teil liegt extrem satt auf dem Boden, die Federung wirkt hinten wie vorne fast bodenlos und arbeitet perfekt ausbalanciert und feinfühlig. Die Geo platziert den Fahrer zentral im Rad. Bei hohen Geschwindigkeiten ist das Fahrgefühl dicht dran an einem reinrassigen Downhill-Bike. Kleine Einbußen bei der Agilität muss man für so eine Abfahrsleistung aber schon in Kauf nehmen. Die enorme Laufruhe wird durch den extrem agilen und gleichzeitig satten Dämpfer unterstützt, der auf Stahlfederniveau arbeitet. Die Kennlinie ist linear. Ein, zwei stumpfe Landungen quittierte der Hinterbau mit spürbarem Durchschlag. Eine verstellbare Highspeed-Druckstufe würde helfen, die fehlt dem X2 Factory Evol aber leider. So mussten wir den Luftdruck erhöhen, um Reserven zu haben. In Tretpassagen überzeugt der DW-Link nochmal. Die Wipptendenz im Sitzen ist gering und das Rad entwickelt erstaunlich guten Vortrieb. Im Wiegetritt geht das Fahrwerk aber schon spürbar in die Knie. Die Schnellverstellung der Druckstufe am X2 bietet keine ausreichend stabile Plattform. Ein Sprinter ist das Pivot definitiv nicht, aber so einen Spagat hätten wir auch nicht erwartet, denn die Downhill-Eigenschaften sind schon extrem gut. Insgesamt klettert das Firebird aber durchaus passabel und macht auch auf langen Touren Spaß. Das 46er-Not­ritzel reicht mit dem 32er-Blatt vorne für lange Anstiege aus. 

Beim Merida One-Sixty sitzt man wegen des steileren Sitzwinkels kürzer und aufrechter; bergab ist die Position aber auch sicher und tief im Rad. Der Hinterbau arbeitet mit dem neuen Super-Deluxe-Dämpfer sehr feinfühlig und fluffig. Das Bike wirkt eine Spur handlicher als das Pivot, dafür sind die Abfahrtseigenschaften nicht ganz auf dem Niveau des Feuervogels: In den flowigen Passagen des Trails sind Front und Heck noch schön ausbalanciert und sensibel, ohne in Kompressionen wegzusacken. Wird das Gelände aber steil und verblockt, leidet das Fahrwerk unter der einfacheren Druckstufendämpfung der Lyrik RC. Schnelle Schläge gehen öfters direkt in die Handgelenke. Klar, jetzt kommt wieder der Preisunterschied und die Tatsache, dass man das Merida bei vergleichbarem Preis mit der hochwertigeren Lyrik am Start hätte – und die ist der Fox, wenn auch charakterlich anders, bei den Fahrleistungen durchaus ebenbürtig. Der Hinterbau würde aber auch dann nicht ans Pivot rankommen. Denn da leistet der Fox sattere und bei hohem Tempo bessere Arbeit als der RockShox Super Deluxe, der trotz des sehr guten Ansprechverhaltens im Charakter noch als progressiver Luftdämpfer spürbar ist. Dafür passt die Kennlinie im Merida perfekt: keine spürbaren Durchschläge, dafür perfekte Hubausnutzung. Bergauf ist der Hinterbau überraschend wippanfällig. Das Heck pumpt stärker als beim Pivot und wir nutzten den Druckstufenhebel regelmäßig, um das Heck ruhig zu stellen. Das klappt aber sehr gut, denn speziell der Climb-Modus ist sehr straff.

Fazit: Wir hätten lieber das preislich vergleichbare 8000er-Merida im Duell gehabt. Dann wäre das Pendel noch knapper Richtung Pivot ausgeschlagen. Aber ein modernes Enduro muss einfach perfekt bergab rasen können – und das Pivot kann das besser, ohne dass die Tourentauglichkeit zu sehr leidet. 

Enduro Duell 2017: Test Pivot gegen Merida
© Tobias Woggon
Christian Schleker (47): Moderne Enduros müssen bergab wie kleine DHler funktionieren, sonst kann man gleich Trailbikes fahren. Das Pivot taugt für Bestzeiten – selbst in üblem Gelände. Auch das Merida ist ein guter Abfahrer, aber so schnell wie das Firebird ist es nicht. Und in einem Duell überlebt nun mal nur einer - für mich ganz klar das Pivot.

Das gesamte Test-Duell mit allen technischen Daten und Noten gibt's hier zum Nachbestellen:

FREERIDE Titel 1/2017
© Ale di Lullo
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