Test: Intend Infinity Federgabel in Kleinserie

Intend Infinity: die Doppelbrückengabel

27.04.2019 Christian Schleker - Um eine gute Federgabel zu konstruieren, braucht man einen Haufen Experten. Oder man heißt Cornelius Kapfinger und macht es alleine. 100 Prozent Made-in-Germany gegen der Rest der Bikewelt.
Intend Infinity: die Doppelbrückengabel
© Wolfgang Watzke
Blaues Wunder: Die Intend Infinity DH ist der feuchte Traum jedes Freeriders. So muss eine Gabel aussehen, damit sie jeder haben will. Und so sollte sie funktionieren, wenn man den Kauf nicht bereuen will.

Cornelius Kapfinger macht nix ohne Grund. Auch wenn sich Außenstehenden nicht immer sofort erschließt, warum er das macht. Zum Beispiel seine Idee mit den Putzschwämmen: Diese kleinen gelb-grünen Klötze, die in jeder Studentenbude leicht angeschimmelt am Spülbeckenrand rumflacken. Warum kauft er die in rauen Mengen? "Verpackungsmaterial sparen" ist die Antwort. Statt Luftpolsterfolie zu kaufen, die der Endkunde dann wegschmeißt, kauft Cornelius Spülschwämme. Die muss man nicht wegschmeißen, sondern kann damit putzen. Ne ganze Zeit sogar, denn eine Intend Infinity DH Gabel kommt gut geschützt von knapp 20 solcher Schwämmchen beim Käufer an.

Intend Infinity: die Doppelbrückengabel
© Daniel Simon
Warum Spülschwämme zur Infinity-Downhill-Gabel passen? Weil Corne­­lius Kapfinger anders denkt als andere. Darum.

Das kann man exzentrisch nennen oder clever. Clever passt besser, finden wir. Denn um quasi nach Feierabend so eine Marke wie Intend auf die Beine zu stellen, muss man schon ordentlich was auf dem Kasten haben: Eine Federgabel von Grund auf selber konstruieren, die Teile produzieren und dann alles so zusammenstöpseln, dass es funktioniert und nicht sofort bei der ersten Kante wieder auseinanderfällt? Okay, sowas kann man studieren und Cornelius hat das auch gemacht. Aber trotzdem. Mal ehrlich. Ne Upside-Down-Federgabel? Gibt‘s was Komplizierteres? Undenkbar für uns Normalos, die schon beim Thema "Bremse entlüften" panisch mit dem linken Augenlid zucken.

Als abgebrühte FREERIDE-Recken zucken wir natürlich nicht mal mit der Wimper, als wir das Ding (2353 Gramm, 2049 Euro) in die Finger bekommen. Die Optik ist uns wurscht. Funktionieren muss das Teil! Federn wie ein Daunenbett! Feinfühlig sein wie ein schweizer Uhrenbauer! Dämpfen wie eine Zelle in der Nervenheilanstalt! Und natürlich geil aussehen – obwohl uns das ja null interessiert. Sagten wir das schon? Jedenfalls haben wir das blaue Stück an ein farblich passendes Canyon Sender geschraubt (reiner Zufall, das mit der Farbe, versprochen!) und es im Vergleich mit einem identischen Bike und Fox 40 Float FIT Gabel (2650 Gramm, 2269 €) über diverse Downhill-Strecken gejagt. Also harte Konkurrenz.

Vor dem Test steht die Abstimmung. Und die gestaltet sich bei der Intend ähnlich simpel wie bei der Konkurrenz: Die Vorgaben im ausführlichen Manual empfehlen für unsere Testfahrten knapp 75 PSI Luftdruck, eine ganze Umdrehung Zugstufe von ganz offen und 5 Klicks Druckstufe von ganz geschlossen. Zug- und Druckstufe sind Lowspeed-Versteller. An die Highspeed-Druckstufe kommt man nur durch Zerlegen ran. Aber möglich ist das und wird im Manual ebenfalls genau erklärt. Aus dem Stand ist die Intend extrem sensibel. So kennen und lieben wir das von der Manitou Dorado und so kann das eine Fox 40 nicht, selbst wenn sie perfekt eingefahren ist und gut geschmiert. Die Infinity bügelt wirklich alle kleinen Unebenheiten platt. Klasse: Das sensible Wegbearbeiten von Schlägen bleibt auch bei hohem Tempo erhalten. Keine Druckstufenverhärtung, keine Schläge, die an den Fahrer durchgereicht werden. Gleichzeitig harmoniert die Zugstufe gut, die Bodenhaftung ist exzellent. Die Fox geht da etwas straffer zu Werke. Das Staubsauger-Gefühl der Upside-Downgabel erreicht sie nicht, arbeitet in Sachen Bodenhaftung und Kontrolle aber auch extrem effektiv.

Beide Gabeln sind hier ebenbürtig. Sportliche Fahrer mögen das etwas direktere und "härtere" Gefühl der Fox, Gelegenheits-Downhiller erschöpft die straffe Dämpfung früher. Denen kommt das sehr softe Fahrgefühl der Intend entgegen und es hilft, dicke Unterarme zu vermeiden. Das Set-up einer Gabel ist aber immer ein Kompromiss. So bietet die sportlichere Fox beim Anbremsen und in steilem Gelände mehr Gegendruck als die Intend und steht dadurch höher im Hub. Das ist gut für die Geo und damit das Sicherheitsgefühl, denn der Lenkwinkel bleibt flacher und die Laufruhe wird dadurch höher. Diesen sportlichen Charakter kann man mit der Intend auch erreichen, wenn man die Druckstufe intern mit anderen Shims tuned. Racer können die Gabel also auf das gleiche Niveau hochschrauben wie die Fox, verlieren dabei aber nicht das supersensible Ansprechverhalten, das einer Upside-Down-Gabel vorbehalten ist.

Bleibt noch das Thema Steifigkeit – in Forendiskussionen immer als das Manko der umgedrehten Bauweise verschrien. Wie gesagt, wir lieben die Dorado – auch und gerade wegen ihrer etwas geringeren Verdrehsteifigkeit und dem daraus resultierenden "geschmeidigen" Fahrgefühl in üblem Gerümpel. Einem Profi fehlt es da vielleicht an Präzision, um immer millimetergenau die Linie zu treffen. Uns Testfahrern (70 bis 80 Kilo) reichte die Steifigkeit der Intend völlig.

FAZIT: Cornelius Kapfinger (wir lieben diesen Namen!) macht aus dem Stand den Platzhirschen der großen Hersteller Konkurrenz. Die Gabel federt auf dem Niveau einer Fox 40, übertrifft diese aber noch beim Ansprechverhalten. Die Dämpfung ist eher komfortabel ausgelegt und muss für Racing intern getuned werden, was aber möglich und effektiv ist. Ein tolles Produkt made in Germany.

Gewicht: 2353 Gramm. Preis: 2049 Euro. www.Intend-bc.com

PLUS   Hoher Komfort, Top Ansprechverhalten, Verarbeitung, Exklusivität

MINUS   Druckstufen-Tuning verlangt Schrauberei, etwas frickeliger Laufradeinbau


EINDRÜCKE DER TESTER

Dimitri Lehner: Mir hat die Intend mit ihrem sensiblen Ansprechverhalten sehr gut gefallen. Sie kann für mich mit der Fox mithalten. Dazu ist sie leichter und günstiger. Dass Inge­nieur Kapfinger das Ding in der WG zusammenschraubt, finde ich sympathisch. Schicke Alternative zum US-Einheitsbrei.

Dimitri Lehner
© Ronny Kiaulehn
FREERIDE Chefredakteur Dimitri Lehner

Laurin Lehner: "Das Serien-Set-up der Fox hat mir besser gefallen: stabiler im Hub, mehr Gegendruck – zudem baut die Intend sehr tief. Das sensible Ansprechverhalten der Intend fand ich dagegen gut. Trotzdem: Für mich gibt es keinen Grund, die Intend der Fox vorzuziehen.

Laurin Lehner
© Dimitri Lehner
Laurin Lehner, FREERIDE Redakteur

Christian Schleker: "Ich mag das Fahrverhalten der Upside-down-Gabel. Bei meinen 70 Kilo merke ich keine Präzisionsnachteile, spüre aber die hohe Laufruhe. Dass man die Intend effektiv tunen kann und dass sie so exklusiv ist, finde ich mega. Meine 2000 € würde ich Herrn Kapfinger geben.

Christian Schleker
© Wolfgang Watzke
Christian Schleker, FREERIDE Testfahrer

Interview mit Cornelius Kapfinger, Konstrukteur und Inhaber Intend:
MADE IN GERMANY

Cornelius, warum sollte ich mir eine Intend kaufen und keine Fox 40 oder die World­cup von RockShox?
Ich sage nicht, dass meine Gabel besser ist. Sie ist anders. Zudem bekommt man ein exklusives Produkt made in Germany, das nebenbei 200 Euro günstiger ist.

Du bist eine One-Man-Show. Wie viele Doppelbrücken-Gabeln hast du bisher verkauft?
Stand Anfang Februar: 15 Gabeln, 13 habe ich bereits ausgeliefert.

Wie lange beträgt die Wartezeit?
Rund drei Monate.

Hat der Kunde bei dir die gleichen Garantie-Ansprüche, wie bei großen Herstellern?
Klar. Zwei Jahre Garantie. Liegt der Fehler am Produkt, dann repariere ich auch Gabeln, die schon älter als zwei Jahre sind.

Cornelius Kapfinger
© Henri Lesewitz
Cornelius Kapfinger, Konstrukteur und Inhaber Intend

Inwiefern gehst du auf spezielle Kundenwünsche ein?
Ich präpariere die Gabel bereits auf das Fahrergewicht. Hat der Kunde spezielle Wünsche, dann gehe ich auch darauf ein. Bei einer Luftgabel hat man da allerdings weniger Möglichkeiten als bei einer Stahlfeder-Gabel.

Hast du dir zum Konstruieren deiner Doppelbrücken-Gabel die typischen Platzhirsche wie Rock Shox Worldcup und Co. zugelegt?
Nein, ich bin schon lange keine der Gabeln mehr gefahren. Wenn ich zum Biken komme, dann mit  meiner Gabel.

Echt? Man könnte meinen, wenn man ein besseres Produkt bauen will, dann braucht man den direk­ten Vergleich
Schaden würde es sicher nicht. Doch um ehrlich zu sein: Mir fehlt schlicht die Zeit. Und dann müsste man die verschiedenen Gabeln auch noch alle kaufen – das lohnt sich für mich nicht.

Deine Gabeln werden von Magazinen und Foren gelobt. Angeblich sollst du schon großzügige Angebote aus der Industrie bekommen haben. Stimmt das?
Ja, auf der Eurobike fragte mich ein in den USA lebender Deutscher, ob ich 500 Gabeln liefern könnte – er würde sie mir sofort abkaufen. Doch das war nichts für mich. Dann müssten andere meine Gabeln zusammenbauen, das will ich nicht. Aktuell gefällt es mir so, wie es ist.  


FREERIDE Titel 1/2018
© Gary Perkin
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