Test-Duell 2018: Getriebe-Bikes

Getriebe-Bikes von Cavalerie und Zerode

22.04.2019 Ludwig Döhl - Getriebebikes? Wir dachten, das Thema sei durch. Doch zwei kleinen Firmen rüsten zur großen Revolution. Haben die Bikes von Zerode und Cavalerie das Zeug, die Kettenschaltung abzulösen?
Getriebe-Bikes von Cavalerie und Zerode
© Wolfgang Watzke
Zerode? Cavalerie? Noch nie gehört? Keine Angst, ihr habt keinen Megatrend verpasst, denn die Firmen aus Neuseeland und Frankreich sind Nischenanbieter für Getriebe­bikes. Können sie dennoch mit den mächtigen Marken mithalten?

Sie sind schwerer, sie sind teurer, sie sind ineffizient. Vorurteile mit denen sich Getriebebikes rumschlagen müssen. Vielleicht fristen sie deshalb ein Nischendasein? Denn wer bis jetzt auf einem Getriebe­bike durch den Bikepark rollt, streckt nicht nur dem Mainstream den Mittelfinger entgegen, er genießt auch Exotenstatus. Weil wir nicht viel auf Vorurteile geben, haben wir zwei der derzeit spannendsten Getriebebikes zum Duell geladen. Stecken sie zurecht in der Nische fest oder sind das Cavalerie Anakin und das Zerode Taniwha Vorboten einer neuen Ära?

Lange bevor es Bikeparks und den Downhill Worldcup gab, dominierte die Torpedo-Dreigangschaltung (eine Getriebenabe von Fichtel und Sachs) den Fahrradmarkt. Allerdings lief das letzte Exemplar Mitte der 1980er-Jahre vom Band und Fichtel und Sachs wurde längst von Sram aufgekauft. Die nachgewiesenen Vorteile (Achtung, keine Vorurteile!) von Kettenschaltungen waren einfach zu bra­chial: Ein Wirkungsgrad von über 95 Prozent, die Möglichkeit unter Last zu schalten und das geringe Gewicht von Kettenschaltungen haben Getriebeschaltungen in die Nische getrieben, in der sie heute noch stecken. Die beiden marktbeherrschenden Schaltungshersteller Sram und Shimano verspüren anscheinend nicht die geringste Lust, dem System Getriebebox neues Leben einzuhauchen. Zu gut läuft das Geschäft mit Ersatzketten, Ritzelpaketen und Kettenblättern. Wer eine aktuelle 1x12-Kettenschaltung eine Saison lang hart gefahren ist, muss 400 bis 500 Euro auf das Konto von Sram überweisen, um alle Verschleißteile zu wechseln. Ein Batzen Geld, den Vielfahrer regelmäßig an die Industrie abdrücken. Genau in diese Wunde legen Getriebehersteller wie Pinion oder Cavalerie den Finger. Denn die Kosten für den Verschleiß sind bei beiden Getrieben gering. Am Zerode (mit Pinion-Getriebe) ist eine günstige 9-Fach-Kette verbaut, die sich wegen des geringen Schräglaufs kaum abnutzt. Das Cavalerie (mit Effi­gear-Getriebe) überträgt die Kraft ans Hinterrad sogar mit einem Zahnriemen. Normalerweise steuert ein solcher Riemen die Motorventile in einem Auto. Er muss selbst beim PS-starken Sportwagen  nur alle 100 000 Kilometer gewechselt werden. Übersetzt aufs Mountainbike bedeutet das eine endlose Lebensdauer, ohne auch nur einen Tropfen Kettenöl zu verzehren. Traumhaft!

Getriebe-Bikes von Cavalerie und Zerode
© Wolfgang Watzke
Cavalerie Anakin (links) und Zerode Taniwha (rechts)

Wenn es um den Sieg in der Enduro World Series oder – für Normalsterbliche – um den nächsten Strava KOM geht, ist der Verschleiß jedoch so piepegal wie die Farbe von Klopapier. Auf dem Trail zählen nur die Fahreigenschaften der Bikes. Das Pinion-Getriebe im Zerode positioniert den Schwerpunkt des Bikes tief und zentral. Das sorgt während der Abfahrt für ein agiles Handling trotz flachen 64 Grad Lenkwinkel. Wenn es richtig steil wird, strotzt das Taniwha mit seiner gelungenen Geometrie geradezu vor Sicherheit. Das Fahrwerk frisst die Unebenheiten so in sich hinein, dass fiese Wurzelpassagen fast zum Flowtrail werden. Durch das Wegfallen von Kassette und Schaltwerk verringert sich die ungefederte Masse am Hinterbau. Der Dämpfer kann deshalb extrem feinfühlig reagieren. Das Zerode lässt an dieser Theorie keine Zweifel aufkommen. Wir sind uns sicher: In der Abfahrt kann es mit den besten Bikes aus dem Test auf Seite 44 locker mithalten. Kein Verschleiß, geniales Handling und ein schluckfreudiges Fahrwerk machen das Bike aus Neuseeland zum Bikepark-Shredder. Auch wenn das Pinion-Getriebe mit zwölf Gängen und 600-Prozent-Übersetzungsbandbreite jeden Einfach-Kettenantrieb aussticht, stört bei gemäßigten Trailtouren das hohe Gewicht. Trotz Carbonrahmen und feinster Anbauteile bringt unser Testbike nur knapp unter 15 Kilo auf die Waage. Außerdem muss man, bevor man mit dem Drehgriff den Gang wechseln kann, kurz die Last von den Pedalen nehmen um den Schaltvorgang geschmeidig zu gestalten. Das ist nicht schlimm, aber gewöhnungsbedürftig.

Das Cavalerie ist mit 13,8 Kilo zwar deutlich leichter und wechselt mit dem Effigear-Getriebe sogar unter Volllast in schwerere Gänge (für leichtere Gänge des 9-Gang-Getriebes muss man ebenfalls die Last vom Pedal nehmen), hat dafür aber an anderer Front zu kämpfen. Die Geome­trie wirkt mit dem steilen 66,7-Grad-Lenkwinkel altbacken und erschwert das Handling. Steile Passagen fordern, ganz anders als beim Zerode, eine extra Portion Mut vom Fahrer. Dreht man den Gashahn in der Abfahrt dennoch auf, entwickelt sich das Anakin vom Kavallerie-Gaul zum nervösen Rennpferd und verlangt nach exzellenter Radbeherrschung. In schnellen Kompressionen oder Anliegerkurven verwindet sich der Hinterbau so stark, dass der seitliche Flex im Laufe unseres Tests sogar den Dämpfer beschädigte und undicht werden ließ. Die Ursache: Um den Antriebsriemen auf Spannung zu halten, liegt der Drehpunkt des Hinterbaus direkt auf der Antriebswelle des Getriebes und ist nur mit filigranen Schraubverbindungen befestigt. Auch wenn der Hinterbau des Anakin genau so wenig ungefederte Masse wie der des Zerodes hat, kann er weder beim Ansprechverhalten noch bei den Nehmerqualitäten mit seinem Konkurrenten mithalten.

Eigentlich wollte der Entwickler Guy Cavalerie auch nur sein Effigear-Getriebe bauen. Der Rahmen um das Getriebe entstand notgedrungen, weil kein Bikehersteller ihm das Getriebe abkaufen wollte. Das erklärt, warum die Optik einfach und die Schweißraupen grob ausfallen. Der Rahmen erinnert eher an einen Prototypen als an ein serienfertiges Rad. Und der Test bestätigte diesen optischen Eindruck: Mit einem leisen "Knack" quittierte die hintere Bremsaufnahme endgültig ihren Dienst. Auch wenn man dieses Bauteil laut Cavalerie bei späteren Rahmen bereits verstärkt hat, verliert das Anakin das Getriebeduell klar. Was hilft einem ein Antriebsstrang, der nicht verschleißt, wenn das ganz Bike zu Bruch geht?


Fazit zum Test-Duell Cavalerie Anakin und Zerode Taniwha:

Das Cavalerie hat mit dem Effigear-Getriebe geniale Ansätze, verweilt aber noch im Prototypen-Status. Das Zerode mit Pinion-Getriebe gewinnt nicht nur unser Duell, sondern ist tatsächlich eine Alternative zu einem herkömmlichen Bike mit Kettenschaltung. Abgesehen vom leichten Übergewicht, hat uns das Zerode vor allem in schnellen, steilen oder extrem rumpeligen Passagen voll überzeugt. Es wird noch ein Weile dauern, bis Getriebebikes ihr großes Coming-out feiern, aber die Kombination aus Zerode und Pinion, hat das Zeug, der Kettenschaltung den Kampf anzusagen.


Das sagen die Tester:

Ludwig Döhl (27), BIKE Redakteur:
"Das Herzstück des Cavalerie ist das Effigear-Getriebe. Das Schalten in schwere Gänge funktioniert sogar im Sprint unter Vollast. Der Rest des Bikes ist aber eher eine Baustelle: Gerissene Bremsaufnahme und flexender Hinterbau trübten das Bild. Das Getriebe hat Potenzial, kann es aber in diesem Rahmen nicht ausschöpfen."

Ludwig Döhl
© Privatfoto
Ludwig Döhl, BIKE Testredakteur

Alex Klewer (28), Tester:
"Ich war Getriebeneuling, aber das Zerode hat mich im Bikepark überzeugt. Das Bike fährt bergab wie ein kleiner Downhiller. Auf Touren störte mich allerdings das hohe Gewicht. Außerdem bleibt bei beiden Getrieben im Sprint das Gefühl, dass ein Teil der Pedalkraft zwischen den Zahnrädern stecken bleibt."

Alex Klever
© Privatfoto
Alex Klewer, Testfahrer

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