Test-Duell 2017: Specialized vs. Rocky Mountain

E-Turbos von Specialized und Rocky Mountain

31.01.2018 Dimitri Lehner - Wir haben zwei Speerspitzen der E-Bike-Bewegung getestet und checkten die modernen Bikes auf Freeride-Gene und Spaßpotenzial. Nur wer die E-Enduros selbst probiert hat, kann mitreden!
Test-Duell 2017: Specialized vs. Rocky Mountain
© Colin Stewart
Test-Duell 2017: Specialized Turbo Levo Carbon FSR Expert vs. Rocky Mountain Altitude Powerplay Carbon 90

Lustig und befremdlich zugleich: Wir wollen losradeln und müssen dazu erst einmal den Startknopf drücken. LEDs flammen auf, wir grinsen. Halb verlegen, halb schelmisch, als würden wir etwas Verbotenes tun. "Glaubst du, unsere Leser hauen uns diesen Test um die Ohren?", fragt Laurin. "Kann gut sein", sage ich, "wahrscheinlich sogar, doch da müssen sie durch!" Tatsächlich lehnen laut Umfrage 63 Prozent von euch E-Bikes ab. Warum? Ich habe nur eine Erklärung: Weil ihr noch nie ein richtig geiles E-Enduro gefahren seid. Ich weiß: Kritiker schimpfen sie "Rollator", glauben E-Bikes seien die komplette "Enteierung" eines Bikers. Unsinn! Wir sagen: Wenn’s Spaß macht, her damit! Warum sich Innovationen verschließen? Sollte es in der Zukunft möglich sein, die Skills von Aaron Gwin oder Brandon Semenuk per Software-Update ins Gehirn zu laden, würden wir auch keinen Moment lang zögern. Mehr Skills, mehr Spaß! Für E-Bikes gilt: mehr Power, mehr Spaß. Um euch zu überzeugen, haben wir zwei der momentan modernsten E-Enduros am Start: das Specialized Levo und Rocky Mountains Powerplay. Auf den ersten Blick lassen sie sich kaum von einem klassischen Enduro unterscheiden, wären da nicht die aufgeblasenen Unterrohre und dicken Tretlager, wo sich Akkus und E-Motoren verstecken. Keine klobigen Displays am Lenker, keine buckeligen Batterien am Rahmen.


Diese beiden E-Enduros haben wir getestet:

  • Rocky Mountain Altitude Powerplay Carbon 90
  • Specialized Turbo Levo Carbon FSR Expert

Zugegeben: leicht sind die Karren nicht. Über 20 Kilo bringen sie auf die Waage, doch der Motor kaschiert das Pummelgewicht. Und bitte erinnert euch: Das erste Specialized Demo wog satte 23 Kilo.

Zuerst jagen wir die E-Enduros über unseren Hometrail an der Isar. Hier, auf unserer gewellten Hausstrecke, fällt der Vergleich besonders leicht. Wir pressen die Bikes durch Anlieger, schnellen über Wurzelteppiche und beschleunigen Anstiege empor, als wären wir in den Zaubertrank gefallen. Unweigerlich fangen wir an zu johlen. Wo wir sonst zu 80 Prozent damit beschäftigt sind, Vortrieb zu erzeugen und oft die Puste für Spielereien fehlt, können wir uns jetzt völlig austoben. Die Folge: mehr Schwung, mehr Spaß! Die ersten Hindernisse tauchen auf: schräg liegende Baumstämme. Im Bunnyhop fliegen wir drüber. Ja, das Gewicht erfordert einen kräftigen Armzug – doch mehr auch nicht. Alles geht: Drops, Geländesprünge, Steilabfahrten. Das Gewicht ist dabei Fluch und Segen zugleich: einerseits stabilisiert es in Verbindung mit dem sehr tiefen Schwerpunkt, gerade in Rumpelpassagen und Wurzelfeldern.

Andererseits schiebt das Übergewicht und erfordert starke Bremsen und Vorsicht beim Steuern in steilen Abfahrten.
Das Spaßpotenzial explodiert, als wir neues Terrain erobern – da, wo die Schwerkraft klassische Bikes gnadenlos ausbremst. Das erleben wir zum Beispiel auf Freiburgs Free­ride-Trail "The Canadian". Statt nur runterzubrettern, fahren wir in entgegengesetzter Richtung: nach oben! Dabei erleben wir den viel beschworenen Uphill-Flow. Die E-Enduros hetzen durch Anlieger und Steilkurven dem Gipfel entgegen und machen das Unmögliche möglich. Mehr noch: Der Blick ins Gelände wird ein anderer. Plötzlich tauchen überall fahrbare Lines auf, die man als klassischer Biker nie in Erwägung gezogen hätte. Da ist zum Beispiel ein schmaler Pfad. Er erklimmt über Wurzeln und Felsstufen die Burgruine Neuenfels. Hier runterzufahren ist schon kniffelig, doch hoch? No Way!

"Da fahre ich jetzt hoch!", verkündet Laurin. Er nimmt Anlauf und schnellt über die ersten Wurzeln. Er schwankt nach links, kippt nach rechts, hebt das Vorderrad auf die Steinstufe und schwingt dabei seine Brust über den Lenker. Für einen Moment hängt er da. Das Hinterrad will sich in den Dreck wühlen, fasst aber ins Leere. Ross und Reiter rutschen rückwärts den Hang hinunter. Nix war’s! Ich nehme selbst Anlauf. Auch ich scheitere. Jetzt lachen wir beide. Über uns und über die Gaudi, die wir haben. Die Welt besteht nur noch aus zwei Bikern, diesem Anstieg zur Ruine – und der Mission: Wir müssen es da hoch schaffen! Nach vier Versuchen ist Laurin tatsächlich oben. WTF!? Ich brauche drei Versuche mehr. Wir fühlen uns wie Spielkinder im Wald. Wenn das nicht Freeriden ist, was dann?
Wir sind keine Tech-Nerds. Wir beschränken uns aufs Ein- und Ausschalten des Motors. Zwischendrin beobachten wir, wie die Leucht­dioden schwinden, bis der Akku leer ist. Natürlich bieten die Bikes viel mehr Optionen mit individueller Programmierung per Smartphone und Bluetooth-Kram. Doch darauf verzichten wir, denn wir wollen ja wissen, wie sich die Bikes fahren und nicht Informatik studieren. Schnell wird klar: Das Rocky ist mehr auf Freeride gepolt. Es besitzt mehr Federweg aus dem High-End-Fahrwerk von Fox. Der hauseigene Motor ermöglicht sehr kurze Kettenstreben. Super! Das hebt den Spieltrieb und die Wendigkeit. Da beim Rocky die Antriebsachse nicht durchs Tretlager verläuft, braucht die Kettenumlenkung Führungsrollen; sie rasseln hörbar. Pfiffig: die spezielle E-Schaltung des Rocky. Sie erlaubt per Daumendruck jeweils nur einen Gangwechsel. Das passiert präzise und ohne Kettenkrachen.

Das Specialized huscht mäuschenstill durch den Wald und begeistert durch ein direktes Trail­bike-Handling – das Fahrwerk ist etwas straffer. Dafür unterstützen die dicken 2,8er-Reifen, die enormen Grip erzeugen. Das lange Heck hemmt lediglich, wenn man das Bike zum Manual in die Höhe ziehen will. Der Brose-Motor feuert im Vergleich zum stärkeren Rocky-Antrieb nicht so kraftvoll. Gestört hat uns die geringere Leistung aber nicht. Kurzum: Einen klaren Sieger konnten wir in diesem Schlagabtausch nicht ausmachen.

Fazit: Beide Bikes sind top und machen verdammt viel Spaß! Das Rocky ist stärker, lauter, lässt sich spielerisch aufs Hinterrad ziehen und besitzt mehr Federweg. Das Specialized fährt sich direkter, ist sehr leise, besitzt aber etwas weniger Motorschub. 

Wir wollen’s nicht verschweigen: Beide Bikes hatten während des Tests Motor-Defekte. Der Rocky-Motor ließ sich plötzlich nicht mehr starten und brauchte ein Reset-Prozedere. Das Specialized überhitzte; der Motor reagierte mit Aussetzern. Der Hersteller hatte eine falsche Batterie verbaut. Nach Tausch funktionierte alles einwandfrei.


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