Test 2016: Trailbikes - Spaß auf dem Hometrail

Alleskönner: 6 Trailbikes im FREERIDE Test

10.08.2016 Christian Schleker, Laurin Lehner - Was macht man, wenn man kein Enduroracer sein will, sondern Spaß auf dem nichtalpinen Hometrail sucht? Wohin mit den ganzen Blockierhebeln, schweren Reifen und megaflachen Lenkwinkeln? Wir sagen: Weg damit!
Test 2016: Trailbikes - Spaß auf dem Hometrail
© Wolfgang Watzke
Test 2016: Trailbikes - Spaß auf dem Hometrail

Irgendwie ist es faszinierend zu beob­achten, wie sich die Bikeklassen durch konsequente Weiterentwicklung selbst ins Aus schießen. Nehmen wir mal die Enduroklasse. Das aktuelle goldene Kalb der Bikeindustrie. Bis vor kurzem war das Enduro tatsächlich ein sehr breit einsetzbares Bike. Das Specialized Enduro S-Works war eines der ersten 160-Millimeter-Bikes, die mit Telestütze und tourentauglicher Vollausstattung unter 12 Kilo wogen. Hammer. Damit konnte man lange Touren fahren, blitzschnelle Feierabend­runden drehen und selbst ab und zu den Bikepark unsicher machen. Aber Rennen gewinnen konnte man damit nicht. Weil aber Rennen im Moment der Gral sind, zumindest bei Enduros, wurde die Bikekategorie immer mehr auf Rennen getrimmt. Dabei fahren die wenigsten von uns damit Rennen. Trotzdem werden Enduros im Reach lang und länger. Die Lenkwinkel werden flach und flacher. Die Laufradgröße wächst, weil’s so schneller über Wurzeln rollt, egal ob schwerer und träger. Und die Reifen werden massiver, weil beim Rennen Platten nicht sein dürfen. Super­gravity. Superträge. Heute wiegen racetaugliche Enduros gerne mal 14 Kilo und fahren sich auf normalen Trails ziemlich knetig.

Klar kann man mit drei Hebeln gleichzeitig den Federweg reduzieren, die Geometrie anpassen und demnächst vermutlich den Reifendruck korrigieren. Aber mal schnell die Hausrunde durchpeitschen? Mit den Kumpels im Anstieg um die Wette strampeln? Jede Wurzel als Abschussrampe nutzen? Mit Spaß und maximalem Zug die Trails unsicher machen, die nicht 45 Grad nach unten zeigen? Nö, lass mal! Zu anstrengend mit den Dingern. Das Enduro-Konzept als Ausrede: Da passt das Zitat der Freeride-Legende Richie Schley, geklaut von einer deutschen MTB-Web-Plattform: "Enduros sind die neuen Freerider!" Hm.

Und was sind dann die neuen Enduros? Das wissen wir nicht und wollen es auch gar nicht wissen. Aber wir wissen, was auf der Hausrunde richtig Laune macht: Trailbikes! Die sind nicht zu verwechseln mit dem klassischen All-Mountain-Bike, auch wenn die Federwege in ähnlichen Dimensionen liegen (120 bis 150 Millimeter). AM-Bikes haben oft 29 Zoll große Reifen (igitt!), in der Regel recht lange Vorbauten und eher Crosscountry-lastige Ausstattungen (aargh!). Sie sind dafür optimiert, die Grenzen der eigenen Laktattoleranz auszutesten, nicht aber die Grenzen des Trails. Gute Trailbikes sind nach unserer Definition straff und dynamisch in der Beschleunigung (wie ein All-Mountain-Bike), aber stabiler. Mit kürzerem Cockpit und spaßorientierter Ausstattung: Kettenführungen, breitere Lenker, dickere Reifen.

Diese Trailbikes findet ihr im Test:

• Alutech ICB 2.0
• Devinci Troy SX
• Ghost Slamr X LC 10
• Popain Twoface 3.1
• Rocky Mountain Thunderbolt 790 BC
• Specialized Stumpjumper FSR Expert

Check. Solche Bikes muss man suchen, denn nicht jeder Hersteller bietet so ein Zwitterding aus All Mountain und Enduro. Dass die breite Masse Interesse an dem Konzept hat, zeigt das ICB 2.0. Die Internetplattform MTB-News rief bereits zum zweiten Mal die Community zum Abstimmen auf. Das erste Rad der Schwarmintelligenz war vor zwei Jahren – logisch – ein Enduro. Diesmal wurde für ein Trailbike-Konzept gestimmt. Die Mehrheit war für weniger Federweg und ein wartungsfreies Rahmenkonzept ohne Verstellschnickschnack. Dieses Demokratie-Trailbike bringt Alutech jetzt in Serie auf den Markt. Wir waren auf seine Fahrleistungen mindestens so gespannt wie auf die des Rocky Mountain Thunderbolt BC-Edition: gleicher leichter Carbonrahmen wie das All Mountain des Großherstellers, aber mehr Federweg an der Front, dickere Reifen, stabilere Parts und das Point-9-Verstellkonzept von Kennlinie und Geo sehen auf dem Papier schon ziemlich ideal aus.

Als zweiter Branchenriese durfte Specialized ein Bike ins Testfeld schicken. Hätte Specialized das Enduro SX Custom-Trailbike von Cheftester Chris Schleker geliefert, wäre den Amis der Testsieg wohl kaum zu nehmen gewesen. Aber dieser Rahmen wird 2016 nicht mehr angeboten. Stattdessen kam das neue Stumpjumper. Bis letztes Jahr hieß die spaßlastigere Version des All Mountain Klassikers aufgrund ihrer flacheren Winkel und des längeren Federweges schlicht Evo. Für 2016 ist die Evo-Geometrie Standard und das Stumpjumper damit das neue Bike für alles. Aber ist es in unseren Augen ein Trailbike der neuen Schule?

Dieser Frage musste sich auch das TwoFace von Propain stellen. Auf der Website explizit als Trailbike für mehr Spaß bei heftigen Aktio­nen beworben, kam es als einziges Bike im Test mit zwei Kettenblättern vorne und etwas schwindsüchtig wirkender RockShox Revela­tion-Gabel. Die stand im krassen Gegensatz zum recht flachen 66er-Lenkwinkel und dem erfahrungsgemäß schluckfreudigen Hinterbau der ausgewiesenen Gravity-Experten von Propain. Interessant ist das Konzept beim deutschen Großhersteller Ghost: Kandidat Nummer fünf, das Slamr X, ist eines von drei Aufbau­optionen ein und desselben Rahmens. Von All Mountain bis Enduro soll da alles reinpassen. Die Version X wird als aggressives Trailbike tituliert und erreicht seine flacheren Winkel durch die längere 150-Millimeter-Pike an der Front. Reicht das?

Beim letzten Teilnehmer der Testrunde hatten wir ausnahmsweise die Qual der Wahl. Devinci führt 2016 tatsächlich zwei 140er-Trailbikes im Programm. Wir wollten das Carbon-Troy haben, bekamen aber leider nur das deutlich schwerere Alumodell. Bummer. Was uns generell überrascht hat, ist, dass nicht ein Hersteller in dieser Kategorie an 26 Zoll festhält. Dabei würde es hier durchaus Sinn machen. In kupiertem, flachem Gelände müssen Bikes permanent beschleunigt werden. Da haben 650B und 29 Zoll das Nachsehen. Das Handling der kleinen Räder ist unbestritten das agilste. Und leichter sind sie natürlich auch. Das Argument, die Bikeindustrie wolle das so und der Kunde will eigentlich was anderes, greift zu kurz. Denn das Alutech ICB 2.0 wurde ja vom Kunden entwickelt. Und der wollte offensichtlich mehrheitlich die größeren Laufräder. Schade, denn wie schön spritzig 26 Zoll ist, zeigte uns im Vergleich immer wieder das Custom-Referenzbike Specia­lized Enduro SX (siehe links). An dessen dynamisches Handling kam nur eins der Bikes dieses Tests gerade so ran.

Getestet wurden die Bikes natürlich vorwiegend auf unserer Hausrunde, den Isartrails. Hier erfährt man auf 25 Kilometern feinstem Wald-Wurzel-Geballer knapp 350 Höhenmeter. Die Anstiege sind selten länger als 200 Meter und steigen dabei nur 50 bis 60 Höhenmeter an. Mit den Jahren haben sich auf der gesamten Länge links und rechts des Flussufers diverse Schanzen, Kicker, Kanten und Wurzelrampen gebildet (wir haben wirklich keine Ahnung, wo die herkommen!), die zu gepflegten Kurzstreckenflügen einladen. Ansonsten heißt es hier durchgängig Tretentretentreten, um in Schwung zu bleiben. Solche Bedingungen findet man fast überall, wo es kaum Berge, aber viel Hügel gibt – also in weiten Teilen Deutschlands abseits der Alpen. Mit Enduros fahren wir solche Strecken privat nur noch ungern. Mit den Trailbikes ist man im idealen Element. Jedes Modell wurde einmal durch die Runde geprügelt. Weil wir hier jede Pfütze mit Vornamen kennen und Chris Schleker die Strecke ungefähr 2356 Mal mit unterschiedlichen Varianten des Konzeptes durchgeknallt ist (siehe Kasten unten), reichte das völlig für ein aussagekräftiges Ergebnis.

Aber auch Bikeparks haben wir nicht ausgelassen. Dabei war es nicht das Ziel, die Testräder auf Teufel komm raus kaputt zu fahren, sondern vielmehr der neuen Entwicklung in vielen der Parks mit angemessenen Gefährten entgegenzutreten. Denn gerade die für Millionen Euro in den Berg gebaggerten Flowtrails der neuesten Generation (Fiss Ladis, Sölden, etc.) sind ideal für diese Bikekategorie. Enduros versumpfen oft in den Pushzonen und kosten Kraft beim Doubeln. Außerdem verlangen die weit zurückverlagerten Fahrpositionen maximalen Körpereinsatz, sonst fehlt der Druck auf dem Vorderrad in Anliegern. Moderne Trailbikes haben diese Probleme nicht. Hier merkten wir fast genauso extrem wie an der Isar, wie groß die Unterschiede zwischen einer guten Trailmaschine und einem guten Enduro sind: ohne Stoppuhr im Kopf, Wettkampfstress und vorangaloppierender Bergaboptimierung haben sich die Trailbikes klammheimlich zu den besseren Spaßmaschinen entwickelt. Allerdings bieten sie weniger Reserven und verlangen bei Stunts und Sprüngen ein hohes Fahrkönnen.

Test 2016: Trailbikes - Spaß auf dem Hometrail
© Wolfgang Watzke
1.  Bunnyhop über den Baumstamm, Flüge über Bodenwellen, Freudensprünge über Wurzelteppiche: Trailbikes beschleunigen so blitzschnell, dass man überall abheben will – und kann. Sie schanzen willig in die Luft, wo man mit einem Enduro mit pfeifenden Lungen im Federweg versackt wäre.
Test 2016: Trailbikes - Spaß auf dem Hometrail
© Wolfgang Watzke
2. Vorsicht: Drop! Trailbikes können springen, doch kann es der Fahrer auch? Die straffen Federwege und das leichte Gewicht stellen bei Flugnummern besondere Anforderungen. Nur, wer über ausreichende Skills verfügt, sollte sich über größere Stunts wagen.
FREERIDE Titel 4/2015
© Ale Di Lullo
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