Freeride-Abenteuer Kalifornien

Traumtrails im Sunshine State Kalifornien

17.03.2016 Wade Simmons - Kalifornien ist Trail-Paradies und Ursprungsland des Mountainbikens. Grund für Wade Simmons, seinen Buddy Richie Schley zu besuchen. Dass es allerdings so chaotisch werden würde, hatte niemand geahnt.
Kalifornien
© Margus Riga
So kann der Tag zu Ende gehen: Wir drei machen einen "Train" und hüpfen im letzten Licht über einen Kicker in Idyllwild, einem kalifornischen Naturparadies, wo von der Dürre noch nicht viel zu spüren ist.

Diesmal halte ich meine Klappe. Vor zwei Tagen beförderte uns meine voreilige Entscheidung in Palm Springs ins Schlamassel und wir steckten 12 Meilen tief im No-Man’s-Land. Jetzt soll die Entscheidung ein anderer übernehmen. Vor uns der Abzweig. Die rechte Abfahrt führt in ein dunkles Tal, doch die grobe Richtung könnte stimmen. Links zweigt der Trail zwar von unserer Bergkante weg, dafür Richtung Zivilisation (wir sehen Lichter!), doch es könnte auch ein Holzweg sein, der sich im Dickicht verliert. Ihr könnt euch vorstellen, welchen Weg wir wählen.

"Die hohle Gasse soll es sein!", proklamiert Richie mit seinem typischen "Ich hab die Schlauheit mit Löffeln gefressen"-Gesichtsausdruck. Also los! Vor mir verliert sich der Trail im Gras scheinbar ins Nichts. Schlau wie wir sind, tragen nur zwei von uns vier Idioten eine Stirnlampe. Ich reiße die Augen auf, schalte um auf Nachtsicht und versuche, dem blendenden Lichtkegel von Schley zu entkommen. Zugegebenermaßen scheint alles in die richtige Richtung zu rauschen. Naja, Schwerkraft hat nicht immer Recht. Nachdem wir aber die zweite mit Kerzen beleuchtete Holzhütte passieren und der Weg einfach in der Dunkelheit verpufft, ist mir klar: Ich hätte meine Klappe doch nicht halten sollen!

"Alter, wir sind so am Arsch!", blöke ich, kraftlos und entmutigt. "Das ist nicht dein verdammter Ernst", antwortet Schley genervt. Gully and Riga schlucken ihre Wut runter und sagen gar nichts mehr, drehen wortlos um und schieben ihre Bikes wieder nach oben. Das sind verdammte 500 Höhenmeter, die wir verloren haben. Das einzig Positive: die kühle, frische Luft. Wir haben einen langen, heißen Tag auf Mount Wilson hinter uns. Unter uns glüht die Millionenstadt L.A. wie Lava. Der Ausblick lenkt von den Strapazen des Wiederaufstiegs ab. Schley grummelt noch immer – vermutlich weil wir jetzt die Party in seiner Lieblings-Bar "The Rooftop" in Laguna Beach verpassen, Schleys bevorzugtem Jagdrevier nach prallbrüstigen Blondinen.

Ursprünglich hat Richie Schley die Tour organisiert. Es ist das zweite Erkundungsjahr für uns Kanadier in den USA. Mit von der Partie sind meine Buddys aus Kanada: Fotograf Margus Riga und mein guter Kumpel Rocky-Mountain-Rider Geoff Gulevich. Schleys Plan schien einfach: An so vielen epischen Spots wie möglich biken, die man von seiner Wahlheimat Laguna Beach aus mit dem Auto in höchstens einem Tag erreicht.

Palm Canyon Epic Supertrail

Appetit nach neuen Jagdgründen brachten wir aus Kanada mit und so startete unsere erste Tour in Palm Springs, ungefähr 100 Meilen von Laguna Beach entfernt. Alte Leute lieben Palm Springs, da es immer schön warm ist. Ganz anders als bei uns daheim und so erwischte uns die Hitze auf dem falschen Fuß. "Palm Canyon Epic", nennt sich der Supertrail, den es hier geben soll. Google verriet mehr: "Der Trail fordert Durchhaltewillen und Orientierungssinn. Beim ersten Mal sollte man sich auf alle Fälle führen lassen", empfahl mountainbikebill.com. Wir lachten gemeinsam: "Wer braucht schon einen Guide!", schließlich sahen wir uns als Outdoor-Experten mit einer ganzen Reihe verwegener Abenteuer auf unserem Konto. Besonders Fotograf Margus Riga macht nichts anderes. Bei dem Stichwort warf er ein: "Schon mal richtig durchge-riga-t worden?" Und wieder lachten wir dreckig.

War es die Sonne oder das Rumgehopse für Margus’ Kamera? Plötzlich konnte ich mich nicht mehr an die vielen Rechts- und Linksabzweige erinnern (seltsamerweise war ich wieder für die Orientierung verantwortlich). Zudem musste ich ständig daran denken, dass der Internet-Rat lautete: "Besser mit Guide!" Nach 30 harten Meilen war der "Palm Canyon Epic" plötzlich nicht mehr so epic. Wir befanden uns etwa 12 Meilen nördlicher als geplant. Meine Schuld, okay. Schley ließ es mich bis zum Anbruch der Nacht spüren: "Wegen dir Honk verpassen wir das Bier und die Girls!" Doch dann fanden wir eine erlösende Asphaltstraße zurück nach Palm Springs und bekamen im berüchtigten Ace Hotel, doch noch unser Feierabend-Bier.

Kalifornien
© Margus Riga
Kleine Spielereien – noch haben wir über die Hälfte des "Palm Canyon Epic"-Trails vor uns.

Am Hotel-Pool ging es schon richtig zur Sache, als ich am nächsten Morgen aufwachte – Brunch-Party. Wir sprangen ins babyblaue Wasser und genossen das "Coachella Music Festival", das hier gerade gefeiert wurde. Ein Hoch auf Kalifornien! Stress ist hier ein Fremdwort. Unser nächstes Ziel lag gerade mal 45 Meilen von Palm Springs entfernt. "Was sollen wir jetzt schon dort, bei dem Scheiß-Licht", überzeugte uns Margus.

Palm Springs - Idyllwild Trails

Aus der Wüste von Palm Spings in die San Jacinto-Wildnis einzutauchen, ist ein harter Kontrast. Riesige Pinien und Berggipfel – die Kalifornier hat das wohl so entzückt, dass sie die Region kurzum Idyllwild nannten. Um die Idylle für sich perfekt zu machen, knallten die Amis hier auch den letzten Grizzly Kaliforniens ab. Die neuen Wilden mit Bärentatzen sind Biker. In einem Bikeshop holten wir uns die besten Tipps für eine bärige Abfahrt. Das Licht wurde, wie vom Fotografen versprochen, immer besser. Wir hatten endlich alles richtig gemacht und brummten genüsslich im goldenen Licht Idyllwilds über die Trails – auf der Jagd nach Style, anstatt Auswege auf Irrwegen zu suchen.

Mount Wilson ist der markanteste Gipfel in den San Gabriel Mountains nordöstlich von L.A.. Je mehr Richie am Abend nach dem Idyllwild-RideBier in sich saugte, desto phantastischer hörten sich seine Geschichten über Mount Wilson an: "Die schönste Aussicht Kaliforniens", "die längste MTB-Abfahrt im ganzen Land, fast 2 Kilometer", drei Klimazonen", "der Hammer!". Mount Wilson war also gebongt. Am Morgen riefen wir das "Mount Wilson MTB Adventure Shuttle" an und ließen uns über eine Stunde die Kurvenstraße bis zum Ausgangspunkt des Trails chauffieren.

Der Anfang des Tages hatte mehr mit Wassersport zu tun und ist kurz in einem Satz beschrieben: "Surfing fucking yeah!!!" Und genau das war das Problem. Vor lauter "Fucking yeah", Surf-Style-Turns und Foto-Sessions rannte uns die Zeit davon. Richies Buddy Toni, der auf diesem Run mitgekommen war, hatte sich verpisst – vermutlich war ihm das ständige Stop & Go auf den Geist gegangen, zu dem ein Ride mit Fotograf unweigerlich mutiert. Und jetzt ging die Sonne unter und die vielen ausgeschütteten Endorphine mussten eine Art Alzheimer in Schleys Kopf verursacht haben. Jedenfalls, kannte er plötzlich den Weg nicht mehr, dabei gehörte der Trail zu seinen Hausrunden. Ich sagte besser nichts, als wir mal wieder Kinn reibend an einem Abzweig standen und mal in die eine Richtung, mal in die andere guckten – mit großem Fragezeichen auf der Stirn.

Wir schlitterten spät in der Nacht restlos erschöpft aber heil auf den Parkplatz, wo Tony in Sorge am Truck wartete und erleichtert murmelte: "Mann, ich hätte fast die Bergwacht gerufen, wärt ihr nicht solche Outdoor-Profis!" Am Abend spülten wir in einer Ersatz-Kneipe namens "Dirty Bird" unseren Pfadfinder-Frust hinunter. Nur in den USA kann man sich einige Kilometer Luft­linie von einer Multimillionen-Metropole fühlen wie in der Wildnis Alaskas. Und je mehr das kühle, gelbe Nass unsere Gemüter bezirzte, desto verlockender stimmte uns die Idee, eine letzte, frühe Ausfahrt zu wagen: Aus den Dirty Birds wurden die Early Birds. Aber mit einem Kater fängt der frühe Wurm die Dreckspatzen und nicht umgekehrt.

Die Trails von San Juan und das "Chiquita"-Trail-Netz sind zu dieser Jahreszeit glücklicherweise frei von Vogel fressenden Würmern. Bei den technischen Leckerbissen des Trails war unser Hangover schnell vergessen. Nur Riga unser Fotograf kotzte wegen hartem Mittagslicht und zog eine übellaunige Miene (wobei ich das eher auf den Absturz am Vorabend schiebe). Aber die kalifornische Sonne meinte es auch gut mit ihm: Sie lockerte ihre Zügel und seine Miene entspannte sich – nach unten gezogen Mundwinkel haben bekanntlich nichts mit Schwerkraft zu tun. Und so ritten wir vier Gringos wie wilde Cowboys glückstrunken den staubigen Trail in das goldene, kalifornische Licht hinab.

FREERIDE Titel 2/2015
© Lars Scharl
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KalifornienTrails

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