Freeride-Abenteuer Iran

Trailsuche im Land der Mullahs: Iran

01.12.2016 Gregor Mahringer - Atomstreit, Massenhinrichtungen, Frauen ohne Rechte, Alkoholverbot – glaubt man den Medien, ist Iran kein Reiseland auf Kuschelkurs. Doch Iran ist auch ein Land der Berge. Bis fast 6000 Meter ragen sie in die Höhe und versprechen ungeahntes Freeride-Potenzial. FREERIDE-Reporter Gregor Mahringer machte sich auf die Suche nach dem ultimativen Epic-Trail.
Freeride-Abenteuer Iran
© Behzad Rad
Schöner biken? Am Stadtrand von Teheran ragen die 3000er in die Höhe, doch der Blick zurück ist eher zum Gruseln. Im Iran gibt es eine kleine Downhill-Szene. Die Jungs schieben oder shutteln hoch, um dann über grobe Pfade nach unten zu bolzen; Enduro-Touren sind nahezu unbekannt.

Über Skype spreche ich mit Sina. Er ist in Kanada aufgewachsen und scheint der einzige iranische Biker zu sein, der flüssig Englisch spricht. Ich will von ihm wissen: Gibt es flowige Freeride-Trails im Iran? "Ja klar, komm rüber und ich zeige  sie dir", spricht er und grinst in die Kamera des Computers. Doch kann ich einem Iraner trauen? Nein, so meine ich das jetzt nicht – von wegen Achse des Bösen, Atombombe, Sharia-Gesetz usw. Doch was weiß ich, was man im Iran unter Freeride versteht oder wie die Jungs "flowig" definieren. Ich bin jedenfalls skeptisch. Kurz drauf schickt mir Sinas Kumpel Hossein Fotos – sie sehen gut aus! Also los: Dann wage ich mich mal ins Land der Mullahs auf der Suche nach dem iranischen Epic-Trail.

Vier Wochen später: Landeanflug auf Teheran. Im Bauch des Fliegers: mein Bike. Die Stewardess drängt mich, die Dose Bier zu exen und bindet sich dabei schon mal das Kopftuch um. Vor der Landung muss jeder Tropfen Alkohol in abschließbaren Fächern verschwinden, denn Besitz und Konsum von Alkohol ist im Iran ein Schwerverbrechen. Mein Flieger taucht ein in die Dunstglocke über Teheran. 13 Millionen der insgesamt 81 Millionen Einwohner des Iran drängen sich in der Megacity am Fuße des mächtigen Elburs-Gebirges. Das Land selbst ist vier Mal so groß wie Deutschland.

Sina holt mich am Airport ab und wir stürzen uns in den Molloch Teheran: Stau zu jeder Tages- und Nachtzeit. Der Smog von hunderttausenden Autos ohne Katalysator beißt in die Lungen. Für die Teheraner scheint es nur Vollgas und Vollbremsung zu geben. Der Dreiste hat Vorfahrt – wer zögert, wird abgedrängt. Wir gabeln Christoph Benkert auf. Christoph hatte die Story von Hossein Zanjanian, Irans schnellstem Downhiller, in FREERIDE gelesen, ist neugierig geworden und will den Iran jetzt mit mir erkunden. "Ist unser Hotel in der Nähe?", will Christoph wissen. "Ihr schlaft doch nicht im Hotel – ihr seid meine Gäste!", sagt Sina feierlich. Oh no! Aber da hilft kein Protestieren, wir fügen uns der iranischen Gastfreundschaft. Am Nachmittag meldet sich Hossein; er will mit uns biken.

Treffpunkt ist Hosseins Bikeshop. "Das ist nicht weit. Nehmt das Bike, sonst steckt ihr nur im Stau!", sagt Sina. Er selbst muss leider arbeiten, also machen wir uns alleine auf den Weg. Ein Fehler! Nach einer Stunde Rumirren und Nahtod-Erfahrungen im Verkehrschaos geben wir auf. Einen Telefonanruf später ist Hossein zur Stelle. Leider spricht er nur einige Brocken Englisch, aber mit Zeichensprache und Geduld klappt’s. Er schleppt uns mit dem Motorrad zu seinem Laden. Der Shop ist die erste Anlaufstelle für alle ernsthaften Biker im Iran. Trotz des kürzlich abgeschlossenen Atom-Deals und dem theo­retischen Ende der Sanktionen gegen den Iran sind Importe immer noch schwierig und teuer. Doch dank vieler Freunde im Ausland gibt’s bei Hossein selbst Reverb-Stützen, FiveTen-Schuhe, Renthal-Lenker und Conti-Reifen.

Hossein will zum Berg Darabad im Nordosten der Stadt, seinem bevorzugten Trainingsspot.  Teheran liegt schon etwa 1500 Meter hoch, doch direkt hinter den Häusern wachsen 3000er in den Himmel. Wir kurbeln unsere Enduros hoch und blicken von oben nach unten. Ein Grusel-Panorama: Hochhäuser ragen aus schwefel­gelbem Dunst. Die Trails sind kurz und ganz nett, doch flowig ist anders. Viel loses Geröll! Wer hier schnell fahren will, braucht Mut. Dreimal mühen wir uns hoch, dann treibt uns der Hunger zurück in die Smog-Suppe. An einem Straßenshop lädt uns Hossein zu seinem Lieblingssnack ein: Majun, eine Kalorienbombe aus Eis, Sahne, Schokosauce, Nüssen und Banane. "Das essen wir im Iran nach gutem Sex – um dann noch einmal guten Sex zu haben", verrät Hossein, "oder nach dem Biken!" Wir nicken, grinsen höflich und löffeln das iranische Natur-Viagra.

Unser Roadtrip startet am nächsten Tag. Sina hat einen VW-Bus aufgetrieben. "Der einzige mit Fahrradhalter auf dem Dach", sagt er stolz, doch das Rack entpuppt sich als Metallbügel, an dem der Fahrer die Bikes mit Kabelbindern festzurrt. Ob das hält? Der Fahrer lacht nur und zeigt seine braunen Zähne. Inschallah!

Freeride-Abenteuer Iran
© Behzad Rad
Meister des Improvisierens: Im Iran wird jede Panne im Handumdrehen behoben. Sobald der Motor stottert, liegen schon drei Mann unterm Auto.

Unser Ziel ist Qazvin. Die Kleinstadt liegt 180 Kilometer nordwestlich von Teheran. Hossein ist hier geboren und verspricht uns einen Enduro-Trail mit ganz speziellem Shuttle-Service. Tatsächlich, nach einer halben Stunde Uphill durch karge, braune Berge steht vor uns ganz unvermittelt ein Sessellift – mitten in der Pampa! Hossein hat uns angekündigt und für Irans besten Downhiller und seinen Besuch aus Deutschland wird der Lift extra angeworfen. Er endet auf 2630 Metern. Wind fegt über das Plateau, um uns endlose graubraune Bergrücken. Die ersten 500 Höhenmeter vernichten wir auf groben Schotterpisten. Oh je, ist das der iranische Flow? Doch dann verengt sich der Weg und ein steiniger Singletrail führt uns in ein kleines, grünes Paradies: Mitten in der grimmigen Bergwelt sprudelt ein Bach und lässt saftiges Grün wachsen. Wir folgen dem Flusslauf  – schnelle Passagen über hart gepresste Erde wechseln mit technischen Abschnitten, steil und felsig. Hossein schaut in unsere Gesichter und spürt: Da muss mehr her! Auf dem Rückweg geht’s bei der Moschee vorbei. Ein alter Mann eilt uns entgehen. Zuerst denken wir, dass er uns wegen der kurzen Hosen und unserer Bikes aus dem Vorhof rauswirft. Doch er bugsiert uns direkt in den Gebetsraum. Inmitten der grau gekleideten gläubigen Moslems fühlen wir uns etwas fehl am Platz.

Aber selbst der Imam ist begeistert von unserem Besuch und deutet während der Predigt auf uns und sagt: "Auch Ungläubige können gute Menschen sein, wenn sie denn ein gerechtes Leben führen" – und flowige Trails finden, ergänzen wir im Geiste. Hossein macht uns Hoffnung: "In einem kleinen Dorf, am Kaspischen Meer wohnt die Familie Milady. Sie haben den Bikesport im Nordiran etabliert. Wenn es den perfekten Trail gibt, dann kennen sie ihn." Also überqueren wir noch am selben Abend das mächtige Elburs-Gebirge – vom trockenen, braunen Teheraner Hochplateau an die grüne Küste des Kaspischen Meeres. Die Freundlichkeit, mit der uns Sha‘ban Milady und seine Söhne Pouya und Pourya empfangen, überwältigt uns. Der Kebab-Grill ist schon eingeheizt und wir pflücken Granatäpfel frisch vom Baum. Gegessen wird traditionell auf dem Wohnzimmerteppich und ohne Frauen. Nur beim Servieren bekommen wir Frau Milady und Tochter zu Gesicht. Ein scheues Lächeln und schon verschwinden sie wieder in der Küche. Wir sind irritiert: Einerseits diese Offenheit, andererseits das befremdliche Frauenbild. Später erklärt Sina, dass die Miladys eine moderne Familie sind, aber in einem kleinen Dorf wohnen. Wenn jemand mitbekommt, dass die Milady-Frauen Fremden gegenüber ohne Kopftuch auftreten und sich gemeinsam mit den Männern zum Essen setzen, wäre die Familie schnell unten durch.

In den Bergen hinter der Küstenstadt Ramsar soll der Supertrail liegen: ein 17 Kilometer langer Singletrail. Auf dem Weg dorthin sehen wir Mountainbiker am Straßenrand. "Stopp! Können wir anhalten?", rufe ich und verfluche im nächsten Moment meine Worte, denn unser Fahrer legt den Rückwärtsgang ein und fährt rückwärts auf der Autobahn. Wir überleben und treffen das iranische KTM-Frauen-Mountainbike-Team! Unsere überraschten Gesichter amüsieren die Ladys. Sie erklären uns, dass es tatsächlich Bikerinnen im Iran gibt. Solange der Hidschab auch unterm Helm die Haare versteckt und ein kurzer Rock, lange Ärmel und Hosen den Blick auf blanke Haut und weibliche Reize verdecken, gibt’s keine Probleme. Und das bei 30 Grad Hitze? "Naja", verraten sie augenzwinkernd, "in den Bergen interessiert es niemanden, was wir anhaben". Wir verabschieden uns mit freundlichem Nicken, denn einer Frau in der Öffentlichkeit die Hand zu geben, ist für Männer tabu – auch wenn sie mit einem Mountainbike unterwegs ist.

Von Ramsar aus quält sich unser Bus auf einer Schotterpiste den Berg hinauf. Wir durchbrechen die Wolkendecke und genießen das satte grüne Panorama. Das perfekte Setting für den iranischen Traumtrail. Tatsächlich: Mäßig steil schlängelt er sich durch den lichten Laubwald bergab, verspielt und flüssig zu fahren. Wir tauchen in die Wolken ein, der Untergrund wird weicher, aber der Flow bleibt. Bald kommt der Grip zurück und zahlreiche Geländesprünge sorgen für Abwechslung. Nach sagenhaften 15 Kilometern und 1900 Höhenmetern kommen wir an eine Schotterpiste, die uns durch malerische Dörfer zurück nach Ramsar führt.

Am Strand wird uns klar: Mission geglückt. Wir haben ihn gefunden – den iranischen Epic-Trail! Er hat alles, was wir verwöhnten Westler uns von einem Naturtrail wünschen. Doch wir spüren auch, dass es nicht alleine dieser Supertrail war, der die Reise so besonders gemacht hat. Die Mischung war magisch: die Autopannen, die seltsamen Speisen, die Menschen, ihre Hilfsbereitschaft und all die Hindernisse, Ups and Downs haben den Trip zu einem richtigen Abenteuer gemacht. Und die Gewissheit, dass wir für eine Weile alles, was für uns scheinbar so selbstverständlich ist, ein bisschen mehr schätzen werden.

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