Kanada: Super Spot Rettalack in British Columbia

Top Spot für Freerider: Rettalack B.C.

30.07.2016 Riley McIntosh - Rettalack heißt das neue Juwel im Freeride-Schmuckkästchen. Der Super-Spot im No-Man’s-Land von British Columbia soll alles bieten, damit sich seine Besucher fühlen wie auf Wolke 7: Trails wie aus Träumen.
Kanada: Super Spot Rettalack in British Columbia
© Mattias Fredriksson
Aus Dreck Gold machen: Davon konnten die Nugget-Sucher im Goldrush nur träumen. 100 Jahre später passiert es. Die Trails von Rettalack sind Gold wert. Fragt Garett Buehler. Hier  fliegt der Profi-Biker über einen der anspruchsvollen Jumptrails des neuen Topspots.

Kris geht auf Kollisionskurs. Mit vollem Speed hält er auf den Anlieger zu, der vor uns als brauner Wall den Trail abriegelt. Im letzten Moment lenkt Kris ein, legt sich zur Seite, dass seine Schulter dem Boden gefährlich nahe kommt und schnellt dann wie eine Flipperkugel in die neue Richtung davon. Ich fahre dicht hinter ihm und tauche in eine Fontäne kleiner Lehmklumpen, die Kris’ Hinterrad hochgeschleudert hat. Auch ich lehne mich mit vollem Körpergewicht in den Turn und hoffe darauf, dass die Stollen meiner Reifen den Fliehkräften trotzen und ich wie Kris die Kurve kriege.

Mein Gott, wie viele Trails bin ich in meinem Leben schon gefahren? Unzählige. Einige habe ich sogar selbst gebaut. Als Kanadier aus British Columbia sitze ich quasi an der Quelle. Und doch kann ich mich nicht erinnern, je so viel Spaß gehabt zu haben wie jetzt. Das liegt an der Erde. Sie ist tief und flockig, dabei aber nicht schwer oder klumpig. Es fühlt sich an, als würde man über Teppichboden fahren. Angenehm gedämpft, doch voller Grip. Erde fliegt, es spraddelt, prasselt und spritzt, während wir durch den Wald fräsen. Unsere Reifen wühlen durch den Boden und pressen den Dreck zu hohen, brauen Gischtfahnen in die Luft – als würden wir Wasserskifahren.

Willkommen in der Rettalak-Lodge! Stell dir ein großes, sympathisches Holzhaus vor mit dicken Baumstämmen als Eingangspforte, umgeben von Wald. Hinter den Baumwipfeln erhebt sich ein riesiger grüner Berg. 1300 Höhenmeter angefüllt mit den flowigsten, spannendsten Trails, die du dir vorstellen kannst. Anlieger, Sprünge, Kurvenwechsel, Brücken aus axtgespaltenem Zedernholz – und natürlich diese unglaubliche,  weiche, griffige Erde. Ich weiß, das klingt alles verdammt euphorisch – doch meine Begeisterung ist in diesem Fall tatsächlich nur schwer zu bremsen. Vielleicht liegt es daran, dass man sich in Rettalack nur auf ein Geschäft konzentriert: Freeriden. Im Sommer Trails, im Winter Tiefschnee. Einen Haken hat die Sache aber doch. Naja, irgendwie ist das Nachteil und Vorteil zugleich: Retallack steckt tief in den Selkirk Mountains der Kootenay-Region im Hinterland von British Columbia. Das heißt: Rettalack liegt nicht vor der Haustüre. Wer hierher kommen will, muss sich anstrengen – doch gerade das macht den Spot auch so besonders.

Nicht immer war Retallack ein Traumziel für Trail-Touristen, Adrenalin-Junkies und Urlauber, sondern die letzte Kampflinie bei der Suche nach Gold und Silber. Um 1890 wagten sich Eli Carpenter und Jack Seaton in diese entlegenen Wälder. Sie stießen auf äußerst aggressive Grizzley-Bären – und auf Silber. Eine Tatsache, die sich wie ein Lauffeuer verbreitete und Abenteurer zuhauf anlockte. Hunderte von Minen­stollen trieben die Glücksritter in den Berg, sie trampelten Versorgungspfade in die Berghänge – über die wir Biker uns heute freuen.

Zur Glanzzeit des Gold- und Silberrauschs wimmelte das Leben in Retallack. Hotels, Einkaufsläden, Casinos, Werkzeugschmieden, Saloons, Bordelle, eine Schule, ja selbst einen Bahnhof gab es hier. 7000 Einwohner blähten Retallack zu einer Kleinstadt auf. Die meisten davon schufteten in der Whitewater-Mine, der zweitgrößte Silbermine im ganzen britischen Empire. Doch irgendwann fielen die Preise für Silber und Gold, die Suche wurde immer mühsamer und nach 50 Jahren war der Spuk vorbei. Was blieb, waren eine Geisterstadt und kilometerlange Trails, die die Berghänge durchzogen wie ein Netz feiner Adern. Sie zwängten sich durch dichten Bergwald, schlängelten sich über Almwiesen und kurvten steile Hänge hinunter, wo selbst heute mit moderner Technik niemand auf die Idee käme, einen Weg anzulegen.

Die Natur hätte sich vermutlich das alte Goldgräber-Städchen längst komplett zurückgeholt, wären da nicht die Skifahrer und Mountainbiker, die regelmäßig die einsame Bergregion ansteuern. Die heutige Retallack-Lodge steht auf der Hauptstraße der damaligen Minenstadt. Außer ein paar Wochenend-Hütten und einigen wenigen Locals, die geblieben sind, gibt es hier nichts als Wildnis.

Kanada: Super Spot Rettalack in British Columbia
© Matthias Fredriksson
Noch zu haben: eins der Geisterhäuser der ehemaligen Goldgräberstadt Retallack.

Während meines Besuchs in Retallack zeigte mir Chef-Trailbauer Kris McMechan das Gebiet. Ich glaube, ich bin noch nie so viele phantastische Trails gefahren und habe so viele Höhen­meter gesammelt in so kurzer Zeit. Kris den Berg hinunter zu folgen, fühlt sich irreal an. Als wären wir im Film "New World Disorder" gelandet. Da wundere ich mich nicht, als Kris mir erzählt, welche Freeride-Prominenz in den vergangenen Wochen Retallack besuchte: James Doerfling, Ian Morrison, Matt Miles, die Coastal-Crew, Garett Buehler, Richie Schley. Viele kamen, um hier zu filmen und zu fotografieren – und allesamt waren sie komplett baff, hier so viele Hammer-Trails zu finden. Eins weiß ich sicher: Diese Burschen sind ziemlich verwöhnt, kennen die besten Trails der Welt und lassen sich so schnell nicht zu Lobeshymnen hinreißen. Sie lobten zum Beispiel den Haus-Trail der Lodge. Sein letztes Feature, eine doppelte Bodenwelle, presst dich mit vollem Speed in einen Anlieger und endet direkt auf dem Parkplatz hinter der Retallack-Lodge. Wenn du hier ankommst, hast du 1200 Höhenmeter eingesackt, denn du startest weit oberhalb der Baumgrenze mit Postkarten-Panorama auf die umliegenden Zweieinhalbtausender, flitzt in einer wilden Anlieger-Achterbahn durch Rhododendron-Büsche, tauchst irgendwann in den Wald ein und kurvst, surfst und schaukelst dich dann so langsam in die Tiefe. Hier irgendwo hatte ich am meisten Spaß. Da, wo der Trail auf dem Bergkamm verläuft. Der Wald steht so dicht und der Abhang ist so steil, dass es eigentlich nur diese handtuchbreite Spur gibt, um überhaupt den Berg hinunterzukommen.

Die Gold­sucher hatten gar keine andere Wahl. An einem uralten Baum hängt eine rostige Spitzhacke. Sie muss von der Jahrhundertwende stammen. Kris hat sie entdeckt, als er den Trail freischnitt und zum Biken herrichtete. Ich liebe solche Begegnungen mit der Geschichte. Wer hat damit wohl gearbeitet? Hat er Silber gefunden?

Wir finden Gold – Trailgold. Die Trails in Retallack sind voll davon. Die Lodge bietet Mountainbikern Service-Pakete in unterschiedlichen Kategorien an. Tolle Verpflegung, Unterbringung, Guides. Mit Heli-Flügen zum Gipfel oder mit Shuttle-Runs. Retallack lässt sich ideal mit anderen Freeride-Zielen in der Nähe kombinieren: Nur eine Stunde entfernt liegt Revelstoke, auch der Bikepark Silverstar ist nicht all zu weit, genau wie die heimliche Freeride-Hauptstadt Nelson mit ihren vielen Weltklasse-Trails.

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© Matthias Fredriksson
Big Mountain: Ob im Winter auf Skiern oder im Sommer mit dem Bike – Retallack begeistert mit seinem wilden Back Country. Die Abfahrt vom London-Grat endet direkt an der Lodge.

Interview mit Freeride-Ikone und Trail-Kenner Wade Simmons: Wade, warum muss es gerade Retallack sein? 

Der Spot ist nicht gerade ums Eck. Warum soll ich nach Retallack fahren?
Das stimmt. Du brauchst eine Weile, bis du da bist. Selbst von Vancouver aus sind es 9 oder 10 Stunden. Doch darin liegt auch der Vorteil: Du bist mitten in der Wildnis. In den hohen Bergen. Und dort findest du alle Trails, die du dir wünschen kannst, geballt an einem Ort. Es gibt keinen Grund, woanders hinzufahren. Du kannst hier fünf Tage durchfahren, ohne dass je langweilig wird, garantiert!

Was für Trails findet man?
Alles. Es gibt technisch anspruchsvolle alpine Trails, es gibt kleine Sprünge, große Sprünge, leichtere Trails, medium Trails, schwierige Trails. Die Erde ist paradiesisch, weil zu wenige Leute hier biken, um die Trails auszufahren oder Bremswellen zu produzieren.

Gibt es auch Anfängerstrecken?
Du solltest schon etwas fahren können.

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© Matthias Fredriksson
Wade Simmons

Warum sind die Trails besser als anderswo?
Einige der bekanntesten Trailbuilder haben sich hier verwirklicht. Es gab regelrechte Trailbau-Wettbewerbe. Auch Profi-Biker wie James Doerfling und Garett Buehler waren eingeladen, Strecken zu bauen.

Wie viele Trails gibt es?
Alleine oberhalb der Lodge sind es acht – und unzählige in der weiteren Umgebung.

Demnach ein Must-do auf jedem Kanada-Trip?
Retallack sollte definitiv auf deiner Must-do-Liste stehen. Es ist großartig. Vor allem die Atmosphäre. Mein Highlight: Ein Heli-Drop-off vom Reco-Peak mit anschließendem 2000-Höhenmeter-Downhill über 15 Kilometer – fantastisch.
Und wo ist der Haken? Naja, du kannst nicht ewig bleiben. Das ist der einzige Haken, der mir einfällt. Die Logde kostet 340 Euro pro Tag – allerdings all inclusive: Shuttle, Guide, Essen usw. Du kannst aber auch nur für einen Tag hinfahren und irgendwo campen.

Zu welchem Bike rätst du?
Ich fahre gerne auf einem Downhill-Bike. In Retallack finden zwar auch Enduro-Rennen statt – ein sattes 160er-Enduro ist aber das Minimum.

Was sind deine Must-Do’s in British Columbia?
Ganz sicher Sea to Sky, also Vancouver, Squamish, Pemberton. Aber auch Kamloops und die Kootenay Mountains, in denen Nelson und Retallack liegen. Ein neuer Hotspot ist Revelstoke – dort soll es unglaublich gute Trails geben mit butterweichem Lehmboden.

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© Matthias Fredriksson
Big Bikes, big Trucks – in Kanada ist alles ’ne Nummer größer.

INFO RETALLACK

Wo: im Inland von British Columbia, ca. 10 Autostunden von Vancouver.

Beste Reisezeit: Juni bis September

Ideales Bike: Enduro aufwärts

Tipp: Kombiniere einen Besuch in Retallack mit Kamloops, Nelson oder Revelstoke.

FREERIDE Titel 4/2015
© Ale Di Lullo
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