Kroatien: Freeriden zwischen Meer und Bergen

Supertrails in Kroatien

12.01.2018 Dan Milner - Warum immer per Shuttle-Bus zu den Trails gondeln, dachten sich vier Freerider und buchten mal ein Schiff. Damit klapperten sie die Küstenberge Kroatiens ab – auf der Suche nach versteckten Supertrails.
Supertrails in Kroatien
© Dan Milner
Freerider trifft Free­rider: Die kroatischen Trails sind teilweise so felsig, dass man sich eher Hufe als Gummireifen wünscht.

Es ist nur dann eine Insel, wenn man es vom Wasser aus betrachtet", sagt Filmheld Martin Brody in "Der Weiße Hai". Auch wenn der Polizeichef und Hai-Jäger sich nur dafür rechtfertigen will, dass er als Nichtschwimmer ausgerechnet auf einer Insel lebt: Seine Logik überzeugt mich. Hier auf der kroatischen Insel Hvar bin ich ringsum von azurblauem Wasser umgeben, aber die meiste Zeit verschwende ich keinen Gedanken daran. Statt dessen kleben meine Augen an dem kleinen Wegstreifen 2 Meter vor meinem Vorderreifen. Nichts anderes zählt auf dem Trail, ganz egal ob auf einer Insel oder sonst wo.

Wellengetorkel

Erst beim nächsten kurzen Stopp linse ich den Abhang hinunter Richtung Hafen, wo unsere Motoryacht, die San Snova, liegt. Das kalte Bier, das dort auf uns wartet, und die Aussicht, es bald durch die Kehle gluckern zu lassen, genügen, um mit mehr Schmackes als bisher den Berg hinunterzubrettern. Schieferstückchen schleudern zwischen die Speichen und klirren wie zerdep­pertes Porzellan beim Polter­abend. "Hört sich an, als führen wir mitten durch eine griechische Küche", witzelt DMR-Team­rider Olly Wilkins und klappert los in Richtung Hafen, wo Lärm und Speichengemetzel schlagartig aufhören. Wir stehen am Meer. Hier schreien nur die Möwen durchs Meeresrauschen. Unsere chillige Stimmung wird allerdings schnell getrübt, denn wir sehen, wie unser Schiff durch die Wellen torkelt. Oh je, das wird wieder eine üble Nacht an Bord werden!

"Kreuzfahrt statt Roadtrip!" hatten Olly und ich uns gedacht, als wir gemeinsam mit Saracen-Rider Blake Samson und Bike-Guide James Brickell aus Verbier für eine Woche auf der San Snova anheuerten. Die stilvolle Holzyacht sollte für uns Hotel, Bar, Restaurant, Solarium und Shuttle-Bus in einem sein. Keine schlechte Idee. Wenn man als Mountainbiker gewohnt ist, immer Richtung Hochgebirge zu schielen, übersieht man leicht die niedrig hängenden Früchte. Niedriger als Meeresspiegel geht wohl kaum, aber auch hier gibt es einiges zu holen: An den vielen bergigen Küsten des Mittelmeers stolpern seit Jahrtausenden Fischer, Oliven­bauern und Ziegenhirten durch die Gegend und trampeln ein dichtes Netz aus schmalen Pfaden in die Berghänge. Trotzdem witzelte ich gleich bei der Ankunft: "Höhenkrank werden wir hier jedenfalls nicht".

Supertrails in Kroatien
© Dan Milner
Zugegeben: Das sieht ziemlich dekadent aus, doch auch verdammt cool – unser Schiff ist Shuttle, Hotel und Chill-Area in einem.  

Daran muss ich denken, während wir am ersten Action-Tag Spitzkehre für Spitzkehre einen ultra­steilen Trail auf der Insel Brac emporkeuchen. Bis zum ersten Etappenziel sind es nur 500 Höhenmeter, aber so viel steht fest: Diesen Downhill erkaufen wir uns teuer! Nachdem wir schon einen Großteil der Insel auf groben Schotterpisten überquert haben, tauchen wir in einen Singletrail ein, über dessen Steingärten und enge Kehren wir lästern: "voll Kampf statt Volldampf!" Leider ein eher typisches Motto auf den kroatischen Inseln, wo man Mountain­biker bisher noch nicht auf dem Schirm hatte: Die Trails sind heute noch genauso ruppig und unberechenbar wie vor Urzeiten. Aber hey, wer auf perfekten Flow-Trails biken will, muss eben Ferien im Bikepark buchen!

Per Bootsshuttle zum Trail

Die nächsten Spitzkehren führen uns hinauf zum Eremitenkloster Blaca, das sich unter eine riesige Felswand duckt. 400 Jahre lang produzierten die Mönche hier Wein und Honig, die sie über die schmalen Pfade schleppten und gegen das tauschten, was sie zum Leben brauchten. Wir flüchten uns hinter die weiß getünchten Klostermauern, um der Mittagshitze zu entgehen. Dann nehmen wir die unvermeidliche Kletterei aus dem engen Tal in Angriff. Oben angekommen halten wir Ausschau: Irgendwo dort unten wartet unser Boot. Es ist heute gemütlich um die Insel getuckert, um uns auf der anderen Seite wieder aufzugabeln – während wir uns auf 40 Kilometern 1500 Höhenmeter erstrampelt haben. Gar nicht so schlecht für eine Tour mit Ausgangs- und Endpunkt Meeresspiegel!

Dieser Tag war ein netter Auftakt, aber es fehlten ganz klar die Trail-Belohnungen, um uns für so viel Schotterstraßen-Gepolter zu entschädigen. Unsere Gastgeber vom Reiseveranstalter Islandhopping haben seit vielen Jahren Wander- und Tourenrad-Trips im Programm. Ihre Idee, Ähnliches auch für Mountainbiker zu organisieren, treiben sie mit Herzblut und Begeisterung voran. Die Woche mit uns soll dazu dienen, uns das MTB-Potenzial der Inseln vorzuführen und ein ehrliches Feedback zu bekommen.

Dieses Feedback führt gleich am zweiten Tag dazu, dass wir unseren Guide Tedi dazu bringen, den Tagesplan umzukrempeln: Statt Schotter­pisten-Uphill zum höchsten Punkt der Insel Brac, shutteln wir im Minivan. Er setzt uns unterhalb des Gipfels ab und wir müssen nur noch ein kurzes Stück durch einen herrlich kühlen Pinien­wald radeln, um zur höchsten Erhebung der gesamten Adria zu gelangen, dem 778 Meter hohen Vidova Gora. Von hier aus geht der Blick über eine Bergflanke hinunter zum glitzernden Meer. Irgendwo tief dort unten wartet auch heute die San Snova auf uns.

Downhill-Rausch zum Meer

Wir rauschen einen Grat entlang und müssen höllisch aufpassen, keinen der herumliegenden Felsbrocken zu rammen – denn so ein Zusammenstoß könnte leicht darin enden, dass man die 200-Meter-Wand hinabgeschleudert wird. Schließlich biegt der Trail auf einen Maultierpfad ein, der im Zickzack zum Hafen von Bol hinunterführt. Die Erosion hat hier überall den Kalkstein freigelegt. Tiefe Schluchten schneiden in die Bergflanke. Eine von ihnen queren wir auf einem Trail, der mit chaotischen Felsen und spaßigen Mini-Drops gespickt ist. Als wir uns schließlich an der Ufermauer wieder in die Augen sehen, haben wir alle das selbe Grinsen im Gesicht: So sieht man aus, nachdem man einen 10-Kilometer-Downhill geritten ist!

Schon nach wenigen Tagen hat sich eine Bord­routine eingestellt: An Deck Kaffee schlürfen und zuschauen, wie das Boot übers tief blaue Wasser gleitet, schnell zu Ende frühstücken, während wir in den nächsten Hafen einlaufen, und "ready to ride" an Land rollen, sobald die Gangway hinuntergeklappt wird. An Tag 5 fühlen wir uns schon wie Matrosen, aber da zeigt sich, dass wir eben doch alten Landratten sind und die Kraft der meistens sanft schwabbelnden Adria ganz schön unterschätzt haben: Heute tanzt die San Snova wie ein Korken über die 2 Meter hohen Wellen und wir teilen uns in zwei Gruppen: Die einen johlen aufgedreht bei jedem unvorhergesehenen Schlingern des Boots, die anderen hängen mit grünem Gesicht über der Reling – seekrank statt höhenkrank. Ich glaube, sogar die Crew ist erleichtert, als wir nach dieser Überfahrt den Hafen von Vela Luka auf der Insel Korcula erreichen und wieder festen Boden unter den Füßen haben. Noch eine ganze Weile hält das Seegang-Gefühl an, während wir zu einer Festungsruine aus dem 19. Jahrhundert pedalieren. Heute ist alles friedlich auf den einstmals umkämpften Mauern. Der Blick geht weit über die Kette der dalmatinischen Inseln. Dann rauschen wir auf einer sprunglastigen Strecke zurück zum Hafen: Felsige Stufen und Spitzkehren gehen im Pinienwald in flowigen Lehmboden über – fast könnte man meinen, die Soldaten hätten den Trail vor 120 Jahren speziell zum Mountainbiken angelegt. Unsere Dirtjumper Olly und Blake bekommen endlich Gelegenheit, abzuheben.

Wir fühlen uns wie Matrosen

Natürlich sind Dirtjump-Cracks nicht gerade nahe­liegende Kandidaten für ein Abenteuer wie dieses. Schließlich könnten wir kaum weiter von fein manikürten Sprunghügeln entfernt sein als hier. Der Mangel an Lehm mag sie zwar manchmal frustrieren, aber auch für Olly und Blake hält jeder Tag hier seine Höhepunkte bereit. Auf der Insel Hvar zum Beispiel kommen wir durch die Geisterstadt Malo Grablje. Der seit den 1950er-Jahren verlassene Ort dient uns über eine Stunde lang als Abenteuerspielplatz – eine Art Red Bull Urban Event ganz ohne Publikum.

Supertrails in Kroatien
© Dan Milner
Nur sechs Autostunden entfernt von München liegt das koatischeInselparadies Inselparadies in der Adria. Höhenmeter gibt’s nur wenige – dafür feine Trails und jede Menge Meeresblicke.

Als wir nach einer vierstündigen Überfahrt auf der Insel Vis anlanden, ziehen wir noch einmal den Shuttle-Joker. Wir wollen unsere Kräfte lieber sparen, um Singletracks zu shredden, als sie bei langen Anfahrten zu verpulvern. Der einzige Mietwagen der Insel ist ein Dacia Duster. Fünf Menschen samt Bikes in ihn zu quetschen, ist eine Herausforderung, aber was dem Auto an Platz fehlt, macht sein Besitzer mit Enthusiasmus wett: Obwohl er auf einer kroatischen Mini-Insel lebt, kennt der Autoverleiher Olly Wilkins und Blake Samsons Namen! Als eingefleischter Mountainbiker ist er natürlich begeistert, endlich mal Gleichgesinnte von außerhalb zu treffen. Unser Guide Tedi übersetzt seinen von wilden Gesten begleiteten Redefluss für uns, der sich leicht in einem Satz zusammenfassen lässt: "Die Trails bei Komiza sind Weltklasse!" Der Typ händigt uns seine Autoschlüssel aus und verabschiedet uns einzeln mit einem Händedruck, der den Eindruck erweckt, er sei eher Bärenbändiger als Autoverleiher. Aber er sollte Recht behalten: Die Hafenstadt Komiza erweist sich als Trail-Goldmine. Mit Tedi am Steuer des kleinen Mietwagens umgehen wir die Fußpfade, die aus den umliegenden Hügeln ins Städtchen führen. Weiter oben in den Hügeln zerren Dornenbüsche an jedem Flecken bloßer Haut, aber dennoch öffnen uns die teils etwas zugewachsenen Trails die Augen für das Potenzial dieser Insel. Später erkunden wir den Norden einer felsigen Halbinsel vor Komiza. Wir suchen uns unseren Weg durch mediterrane Wälder und auf wilden Singletracks. Als die Sonne sich zu ihrem unvermeidlichen Tauchbad am Horizont des glitzernden Meers anschickt, schwingen wir gerade einen Trail hinunter, der zum Höhepunkt der gesamten Reise werden sollte: Als er sich dem Meer nähert, betteln die Fliehkräfte seiner Kurven geradezu darum, schnell und schneller zu fahren, doch das kann auch leicht in einem unfreiwillig frühen Bad enden, sobald einem das Vorderrad wegschmiert. Aus dem Wald klingt das Echo unseres wilden Freudengeheuls wider.

Als wir wieder an Bord der San Snova sitzen und mit einem Bier in der Hand unsere aufgeschürften Beine und all die erlebten Heldentaten vergleichen, ist es fast dunkel geworden. Die See hat sich über den Tag wieder beruhigt. Von unserem sanft schaukelnden Deck aus schauen wir im letzten Dämmerlicht zurück auf die Trails, die wir heute gefahren sind. Solange wir nur den 2-Meter-Streifen vor dem Vorderreifen im Blick hatten, hätten sie eigentlich überall sein können. Sie waren so felsig, schnell und flowig, wie man es sich nur wünschen kann. Trail-Gold eben. Und doch ist das hier etwas anderes: Weil wir diese Trails jetzt vom Wasser aus betrachten.


DIE SAN SNOVA

Die 31-Meter-Holzyacht San Snova tourt zwischen den Inseln im südlichen Dalmatien. Sie hat 18 Doppelkabinen und wird von einer sechsköpfigen Crew geführt – inklusive Koch und Barmann. Damit ist sie eines der kleineren Schiffe des deutschen Veranstalters Islandhopping, der sich auf Wander- und Radtrips spezialisiert hat. Neben Kroatien stehen Griechenland, Schottland, Spanien und Vietnam auf dem Programm. (Bessere Singletracks als im südlichen Dalmatien soll übrigens die Tour durch die Kvarner Bucht versprechen.) 1 Woche Vollpension und Guiding gibt es ab 990 Euro (zzgl. Flug nach Split).

Supertrails in Kroatien
© FREERIDE Magazin

FREERIDE Titel 2/2017
© Sven Martin
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