Freeride-Abenteuer im Libanon

Sonne und Minen: Lebanon Mountain Trail

04.11.2017 Dan Milner - Der Nahe Osten hat nicht gerade den Ruf einer Traum-Destination für friedliebende Mountain­biker. Tibor Simai, Kamil Tatarkovic und Dan Milner brachen dennoch zu einem Freeride-Abenteuer in den Libanon auf. Ihre Mission: den Lebanon Mountain Trail auf zwei Rädern erschließen.
Freeride-Abenteuer im Libanon
© Dan Milner
Mit Flow ins Tal? "Naja, ganz so wie auf dem Foto war’s nicht", verrät Tibor Simai (vorne), "denn der LMT wollte an diesem Tag ums Verrecken nicht nach unten kippen, sondern kroch die meiste Zeit nur steil nach oben!" 470 Kilometer misst der Lebanon Mountain Trail (LMT).

rei Westler stolpern eine heiße, steinige und wegelose Hügel­kette im Libanon bergauf. In ihren Bike-Klamotten leuchten sie bunt wie Papageien. Sie schleppen unnütze Mountainbikes mit sich. Die syrische Grenze ist keine 50 Kilometer entfernt. Gewehr­schüsse peitschen. Dass die vermutlich nur von Jägern stammen, ist ein schwacher Trost. Denn: Wer weiß das schon? Wir haben uns verirrt und das gleich am ersten Tag unserer Reise. Ein Drehbuchautor hätte sich die Szene nicht absurder ausdenken können.

Obwohl – oder gerade weil – das Ganze ebenso absurd wirkt, wie es unangenehm ist, muss ich grinsen. "Was machen wir hier bloß?" Ich lache laut auf. Wenig später stimmen auch meine Bike-Kollegen Tibor Simai und Kamil Tatarkovic in das Gelächter ein. "Oh übrigens", fällt mir da ein, "vielleicht gibt’s hier abseits des Wegs Landminen!" Ich grinse zwar noch, aber eigentlich ist die Sache todernst.

Unser Abenteuer hat kaum begonnen, da sitzen wir also schon in der Klemme. Falls ihr denkt, dieser Trip sei mal wieder eine typische Free­rider-Schwachsinnsaktion gewesen, bei der ein paar Typen mal schnell einen Billigflug nach Beirut buchen und komplett naiv auf die nächstgelegenen Berge zuradeln, muss ich euch enttäuschen. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Jahr lang habe ich über Google Earth gebrütet und mit Textmarkern Linien auf eine Landkarte gemalt, um diese Tour zu planen: die Erstbefahrung von Teilen des 470 Kilometer langen Lebanon Mountain Trails (LMT).

Obwohl im Libanon offiziell schon seit 1990 Frieden herrscht, hat mich die Tatsache, dass der Trail parallel zur syrischen Grenze verläuft, etwas beunruhigt. In Wirklichkeit war die Nähe zum Bürgerkriegsgeschehen und die Bedrohung durch den IS nur ein Teil der Herausforderungen. Auch bei der Frage nach Unterkünften und Fahrbarkeit des Trails gab es dicke Fragezeichen. Andererseits weiß ich aus Erfahrung, dass sich die meisten im Vorfeld angenommenen Probleme in Luft auflösen, wenn man erst einmal vor Ort ist. Dennoch holte ich mir Unterstützung bei Raja Saade, einem libanesischen Bergführer. Mehrere Monate lang befragte ich ihn per E-Mail und stellte schnell fest: Der Mann hat Erfahrung und weiß, was hier funktionieren kann und was nicht. Wir vereinbarten, dass er uns mit seinem Land Rover unterstützt, indem er das Gepäck von einem Ort zum nächsten transportiert und uns immer dann shuttelt, wenn ein Streckenabschnitt definitiv nicht mit dem Bike fahrbar ist. Wie so viele Mittvierziger im Libanon hat auch Raja eine Armeevergangenheit. Deshalb vertraute ich ihm auch in der Sicherheits­frage. Seine vielleicht wichtigste Hilfe war dann ein einzelner Satz: "Ich bin so glücklich, dass ihr kommt. Ihr werdet hier nur Freundschaft erfahren." So einfach kann man manchmal das Image eines Landes verändern. Und er sollte Recht behalten.

Weil Raja am Ende aus familiären Gründen doch nicht mit uns fahren konnte, kurbelte sein Freund Ziad Abajy den wuchtigen Geländewagen über die gewundenen Landstraßen. Er entpuppte sich als ein sympathisches, klein gewachsenes Energiebündel mit fast perfekten Englischkenntnissen. Und er schien ebenso begeistert von unserem Plan zu sein wie vom Leben im Allgemeinen. Aus dieser Begeisterung heraus hatte er am ersten Morgen auch beschlossen, dass wir nicht wie geplant im Dorf Ehden starten, sondern etwas oberhalb. Die Aussicht auf einen kleinen Extra-Downhill war verlockend. Oben angekommen schien alles easy: "Folgt dem Ziegenpfad bis durch den Zedern­wald und auf der anderen Seite runter nach Ehden."

Die Realität sieht nun leider anders aus: Wir sehen die Staubfahne des Land Rovers mit unserem enthusiastischen Ein-Mann-Support-Team an Bord nur noch in weiter Ferne und stellen fest, dass den meisten Libanesen Mountainbiken wohl ziemlich fremd sein muss. Der Ziegenpfad ist zwischen manns­hohen Felsen versickert, und so weit das Auge reicht, können wir nirgends einen Eingang ins Dickicht des Waldes erkennen. Also umkehren, die Bikes buckeln und zurück zur Piste – und dabei möglichst nicht an hypothetische Landminen denken. Oben angekommen schwören wir uns, ab jetzt alle noch so verlockenden Empfehlungen auszuschlagen und stur dem markierten LMT zu folgen.

Wenn man erst mal auf ihm drauf ist, funktioniert das meistens ziemlich gut. Sechs Tage lang folgen wir den auf Felsen und Baumstümpfe gemalten Pfeilen in knalligem Lila und Weiß. Sie führen uns durch wilde Berge und dichte Eichen- oder Zedernwälder, vorbei an Dörfern aus alten Steinhäusern.

Der Libanon beherbergt 18 verschiedene Religionen, die heute friedlich miteinander leben. Das war nicht immer so. Auch die Christen und Drusen in den Dörfern, durch die wir hier kommen, haben sich erbittert bekriegt. Von Einschusslöchern vernarbte Mauern erinnern uns daran, dass die vielen Kriege und Konflikte dieses Landes vereinzelt noch bis 2007 brodelten. In manchen der hohlen Fenster brennt Licht. "Da haben sich syrische Flüchtlinge eingenistet", erklärt Ziad. Das winzige Land (halb so groß wie Hessen, aber mit etwa 6 Millionen Einwohnern genauso bevölkerungsreich) hat 1,3 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Sie sind es, die in den Obstgärten rings um Ehden die Äpfel pflücken. Manche winken, als wir im Vorbeifahren "Merhaba" (Hallo) rufen. Andere schauen uns nur irritiert hinterher. Überhaupt sorgt unser Anblick für viel Aufsehen – und das nicht nur wenn Kamil die Dorf-Kids mit seinen Bike-Stunts und Manuals unterhält. Überall kommen Fremde auf uns zu, laden uns auf ein Bier ein oder zum Tee ins Haus. Selten habe ich mich auf einer Reise so willkommen gefühlt.

Dazu muss man wissen: Vor dem Bürgerkrieg (1975–1990) war der Tourismus in vielen Regio­nen des Libanon eine wichtige Einkommensquelle, deswegen wünschen sich die meisten Libanesen, dass er wieder in Gang kommt. Und das kleine Land hat viel zu bieten: Wir sehen tosende Wasserfälle, passieren gigantische natürliche Felsentore, bestaunen römische Ruinen und rasten unter Bäumen von biblischem Alter. Strava-Rekorde können wir auf dem LMT keine einfahren. Dagegen sprechen schon die Zahlen: Auf 150 Kilometern Strecke meistern wir 5300 Höhenmeter in Anstiegen und 7500 in Abfahrten. Als wir am letzten Tag mit zwei libanesischen Freeridern unterwegs sind (Issam auf einem Trek Remedy und Abdu auf einem Specialized E-Bike) bestätigen sie uns, dass einige Teile unserer Tour bisher nicht mal von der Handvoll ernsthafter Freerider im Land versucht wurden.

Freeride-Abenteuer im Libanon
© Dan Milner
Ja wo sind sie denn nur? Tibor und Kamil spähen nach den Trail-Markern des LMT. Und Hand-­Empfang gibt’s auch nicht.

"Versucht" ist dabei der passende Ausdruck: Zu behaupten, wir seien den Trail "gefahren", wäre nur die halbe Wahrheit. Auch wenn die Verantwortlichen des LMT gerne mehr Mountainbiker bei sich sehen würden, ist das angesichts der Fahrbarkeit des Trails zumindest bisher noch ein frommer Wunsch. Wir selbst sind mit einer Mischung aus Abenteuerlust und vagen Hoffnungen angetreten. Und wie bei den meisten Pionier-Taten kam dabei eine ziemlich ausgewogene Mischung aus krassen Herausforderungen und Juhu-Erlebnissen heraus. Ein gutes Beispiel: Im Quannoubine-Tal schwingen wir jubelnd über einen wunderbar flowigen Lehm-Trail, aber um dorthin zu gelangen, müssen wir erst mal eine Felsentreppe überwinden, die so steil und ausgesetzt ist, dass mir die Knie schon bei dem Gedanken zittern, dort runterzufahren – ein falscher Move und du bist tot. Ganz ähnlich die Tour hinter dem Ort Bcharre: Endloses, mühsames Pedalieren auf einer öden Strecke, bis wir völlig unerwartet mit einem All-Moun­tain-Erlebnis belohnt werden, das man nirgendwo auf der Welt schöner findet: Wir zischen auf einem schmalen Singletrack-Band durch den Zedernwald von Tannourine, dem größten zusammenhängenden Zedern-Gebiet des Libanon, und finden unser Nachtlager in einem uralten Kloster.

Jeder Tag hält diese Mischung aus Epic Ride, Momenten der Verwirrung, Kehrtwenden und dem glücklichen Wiederauffinden des Trails bereit. Außerhalb der Dörfer treffen wir niemanden auf dem Trail, hören aber ständig Schüsse. Immer wieder rollen wir über ganze Teppiche von leeren Patronenhülsen. Viel eher als vor dem Krieg in Syrien fürchten wir uns hier davor, die zufällige Trophäe eines libanesischen Jägers zu werden. Das ändert sich schlagartig, als wir am vierten Tag tatsächlich in ein Minenfeld geraten: Wir schwitzen, fluchen, suchen. Wo sind nur die Trail-Marker? Vor über einer Stunde hatten wir sie in der Mittagshitze verloren. Das GPS muss helfen! Es führt uns auf einem schmalen Trail über den Hügel, bis wir plötzlich inmitten einem Dutzend roter Dreiecks-Schilder stehen. Die arabischen Schriftzeichen können wir nicht entziffern, aber der Totenschädel mit den gekreuzten Knochen ist ein international verständliches Emoji. Ungläubig starren wir abwechselnd uns und die Schilder an. Ist das hier blutiger Ernst, oder will da nur ein Jäger die Konkurrenz fernhalten? "Nichts wie weg", beschließt Tibor. Das hier sind schließlich nicht die Alpen.

Wir picken uns immer neue Wegstücke durch die libanesischen Berge heraus, genießen makellose Singletracks, schwingen über lehmige Waldwege und buckeln unsere Bikes sonnendurchglühte Abhänge empor. Bei jeder Shuttle-Fahrt im Land Rover sprudelt das historische Wissen aus unserem Guide Ziad – das hilft uns, die eigenen Eindrücke besser einzuordnen. So beginnen wir nach einer kurzen Woche zu begreifen, was den Lebanon Mountain Trail wirklich ausmacht: Als Bike-Strecke ist er sicher nicht perfekt, aber die Tatsache, dass es ihn in diesem von Kriegen zerrissenen Land überhaupt gibt, grenzt an ein Wunder. Nur wenige Länder mit so einer jüngeren Geschichte haben es geschafft, den Reset-Knopf so entschlossen und so erfolgreich zu drücken – und dieser Wanderweg, der das kleine Land von Nord nach Süd durchzieht und einst verfeindete Regionen miteinander verbindet, ist ein Symbol für diesen Neuanfang.

Als wir am letzten Tag im Schatten eines uralten Baumes rasten und die Dornen aus den Knee-Pads zupfen, wird mir klar, dass wir in dieser nur für Krieg und Gewalt bekannten Weltgegend in Wirklichkeit nichts als Freundschaft und Herzlichkeit erlebt haben. Wir sind durch Berge, Täler und Dörfer geradelt, die noch vor wenigen Jahren Schauplätze blutiger Auseinandersetzungen waren. Doch das einzige Blut, das wir vergossen haben, tropft gerade aus ein paar kleinen Dornenkratzern auf meinem Schienbein.


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