MTB Abenteuer-Reise: Mount Cameroon in Afrika

Kamerun: Erstberfahrung Mount Cameroons

05.08.2019 Alban Aubert, René Wildhaber - Der Freerider Alban Aubert hat viele verrückte Ideen. Ob 50 Bikeparks in 50 Tagen, die meisten Höhenmeter an einem Tag, oder diese Vulkanabfahrt im Herzen Schwarzafrikas. Ein Abenteuer für jedermann?
Kamerun: Erstberfahrung Mount Cameroons
© Antonin Pergod
Flow-Dusche: Die Abfahrt vom Mount Cameroon führt von 4040 Metern bis hinunter zum Meer. Das sind zwei Tage Abfahrtsspaß und selbst von Hobby­Bikern zu schaffen, meint Bike-Profi René Wildhaber.

Es ist kalt, verdammt kalt. Und nass – der Sturm hier oben auf 3800 Metern Höhe macht uns fertig. Bruno, unser Guide, hatte noch geschworen, dass es so weit oben am Mount Cameroon niemals regnet, und jetzt drischt das Wasser mit einer solchen Wucht auf unsere Zelte, dass uns Angst und Bange wird. Enduro-Profi René Wildhaber ist der Erste, der das nicht länger mitmachen will – und kann. Der Sturm hat sein Bergsteigerzelt hochgerissen, plattgedrückt, zur Seite geschleudert und schließlich so gebeutelt, dass die Zeltstangen brechen. Danach geht alles sekundenschnell: Ritschratsch – die Zeltplanen reißen, und schon liegt René im Regen, während die Nylonfetzen an den Heringen zappeln. Nass bis auf die Haut, robbt er aus dem Schlafsack, grabscht seine Sachen und flieht in das Steinhaus, neben dem wir unsere Zelte aufgebaut haben. Warum nicht gleich in die Hütte?, werdet Ihr denken – so dachten wir auch: bis wir hineinschauten. Doch hört mal, was René selbst sagt:

"Die Schutzhütte ist dunkel, feucht und vermüllt. Ich versuche aufzuräumen, doch das ist schier unmöglich. Wohin mit dem Zeug? Sardinendosen, Plas­tikflaschen, klebrige Essenstüten, gut, dass wenigstens niemand reingeschissen hat. Um mich nicht in den Dreck zu legen, breite ich die zerrissene Zeltbahn aus. Leider habe ich nur einen leichten Schlafsack dabei. Niemand hat damit gerechnet, dass wir in dieser Höhe eine Nacht verbringen. Doch der Sturm hält uns gefangen. Da sitze ich also im Müll, gehüllt in einen viel zu dünnen, nassen Schlafsack, und neben mir schlottert Bruno. Bruno trägt nur eine dünne Windjacke über’m T-Shirt. Ich ziehe meine Daunenjacke aus und gebe sie ihm. Er will sie nicht annehmen, schlüpft dann aber doch rein. Wir lehnen uns aneinander, klappern mit den Zähnen, und schlottern uns durch die Nacht."

Auch am nächsten Tag wüten Sturm und Regen um die Hütte. Keine Chance, den Gipfel zu erreichen. Wir müssen den Tag hier in der Hütte ausharren, nicht mehr als vier Wände, ein Blechdach und jede Menge Müll. Wir frieren. Ich bin überrascht, wie schlecht die Träger ausgestattet sind. Flipflops an den Füßen, Shorts und T-Shirts. Kein Schlafsack, ja nicht mal einen Pullover. Die Baumwoll-Shirts kleben ihnen klitschnass auf der Haut. Hier trocknet nichts. Verrückt! Uns ist gesagt worden, dass wir nur Schlafsäcke mitbringen müssen; für alles andere sei gesorgt. Pustekuchen! Da sitzen wir nun und haben nicht einmal einen Campingkocher. Gottseidank hat René während des Aufstiegs Holz gesammelt und mit hochgeschleppt, denn jetzt sind wir weit oberhalb der Baumgrenze. Ich frage Guide Bruno. Er sagt, dass sie normalerweise nicht so weit hochsteigen und der Regensturm auch sie überrascht habe. Doch bei dieser Erstbefahrung ihres Berges wollen sie natürlich dabeisein. Gut, das verstehe ich.

Wir brauchen jetzt ein Feuer, denn die Kälte lähmt. Nach zwei Stunden gebe ich auf, das Holz ist zu nass. René müht sich weiter. René ist vielleicht der einzige Top-Fahrer, mit dem man solche Abenteuer anstellen kann. Er ist sich für nichts zu schade. René bleibt auch in Grenz­situationen ruhig, hilft mit, behandelt jeden mit viel Respekt – ein total angenehmer Typ. Ich bin froh, ihn dabeizuhaben. Jetzt kriecht er am Boden herum, keine Ahnung, was er da macht.

René: "Die Träger versuchen, mitten in der Hütte ein Feuer zu machen. Ohne Zuluft, ohne Abluft. Sie kokeln rum, und wir sitzen im Qualm – und frieren weiter. Das kann nicht funktionieren. Ein Kamin muss her! Die ganze Hütte ist zugemüllt mit Plas­tikflaschen. Ich stecke die PET-Flaschen ineinander zu einem Rohr und führe das Rohr wie einen Schlot nach oben durchs Blechdach. Mit dem Dosenöffner schneide ich ein Loch ins Blech. Sechs Stunden (!) dauert es, bis endlich Feuer knistert. Doch ich habe ja Zeit, denn draußen tobt der Sturm. Das Feuer hebt die Moral, plötzlich strahlen alle und fangen wieder an zu quatschen, nachdem sie zuvor nur still vor sich hin froren."

Abenteuer heißt auch Improvisation. Schon bei der Planung des Projekts stoße ich auf viele Schwierigkeiten. Den Mount Cameroon entdecke ich auf Google Earth. Es ist ein 4040 Meter hoher Vulkan an Kameruns Atlantikküste, dessen Flanken bis hinunter zum Meer abfallen. Das ergibt eine Monsterabfahrt. Ich bin begeistert, als ich mir das vorstelle – weiß allerdings nicht, ob sie tatsächlich befahrbar ist. Auch René ist skeptisch.

Kamerun: Erstberfahrung Mount Cameroons
© Antonin Pergod
Alban Aubert und René Wildhaber interviewen Guide Bruno zur Abfahrt. Würde man überhaupt vom Vulkangipfel abfahren können? Noch ist alles ungewiss.

René: "Alban war früher mein Trainer in der Schweizer Downhill-Nationalmannschaft. Wir kennen uns gut und erlebten schon zusammen Bike-Abenteuer in Kamtschatka. Wie er, bin ich für verrückte Abenteuer zu haben. Doch im Fall von Kamerun habe ich keine Ahnung, was mich erwarten würde. Beim Aufstieg sehe ich schwarz. Das sieht alles andere als berauschend aus. Mit Felsen verblockt und verdammt steil. Würden wir hier überhaupt fahren können?"

René musste ich nicht lange überzeugen. Doch einen Fotografen zu finden, war schwierig. Viele hatten Angst vor Schwarzafrika und vor der Anstrengung. Und ja, im Norden Kame­runs herrscht tatsächlich Krieg, denn da treibt sich die islamistische Terror-Gruppe Boko Haram herum. Der Süden ist dagegen sicher. Das einzig Gefährliche hier sind die Moskitos, denn sie können Malaria übertragen. Obwohl es in Kamerun 80 Prozent aller Schlangen und Echsen Afrikas gibt, 200 Froscharten, Gorillas, Waldelefanten und 15000 Schmetterlingsarten, sehen wir am Mount Cameroon nichts, außer den Fußspuren der legendären Waldelefanten im Schlamm. Schade. Vielleicht hat der Regensturm all die Viecher weggespült.

Kamerun: Erstberfahrung Mount Cameroons
© Antonin Pergod
Ganz oben: 1861 waren Sir Richard Burton und der deutsche Botaniker Gustav Mann die ersten Menschen auf dem Mount Cameroon. Jetzt sind René Wildhaber und Alban Aubert die ersten Biker da oben, begleitet von Fotograf Antonin Pergod (re).

René: "Auch am Gipfel braust uns noch der Sturm um die Ohren, und wir sehen nur Nebel, doch plötzlich ziehen die Wolken ab, und der Himmel wird blau – endlich! Das Beste: Die Abfahrt führt über eine andere Strecke nach unten. Gottseidank! All meine Bedenken während des Aufstiegs – umsonst! Und die Abfahrt wird wirklich genial. Wir brausen über feinen Lavakies. Das macht irre Spaß! Während der Aufstieg fast senkrecht nach oben führte, schlängelt sich die Abfahrt wie ein Flowtrail dahin. Nur über ein Lavafeld mit scharfem Gestein müssen wir schieben, sonst können wir vom Gipfel bis zum Meer fahren. Durch alle Vegetationsschichten: oben Geröll und Sand, dann Savanne, bis die ersten Bäume auftauchen. Aus Bäumen wird Wald, aus Wald Dschungel. Oben rieche ich nichts, unten explodiert ein tropischer Geruchscocktail in meiner Nase."

Zwei Tage brauchen wir für die Abfahrt – und sind tatsächlich die ersten Biker. Ich bin erleichtert – vieles ging schief, vieles war zäh, doch am Ende belohnt uns der Kamerunberg mit einem schier ewigen Singletrail von 4040 Metern runter auf Null, vom sturmumtosten Vulkangipfel bis an den Strand.

René: Ich bin happy. Nix Blöderes, als wenn man sein Bike hochbuckelt und wieder runterschleppen muss. Die Abfahrt ist verdammt schön. So viele Fragezeichen beim Aufstieg, und dann geht es mit Flow durch eine Traumlandschaft. Glück gehabt! Als mich Alban kurz drauf fragt, ob ich Lust hätte, ihn zu einer weiteren Erstbefahrung nach Papua Neuguinea zu begleiten, sind sie aber wieder da – die Zweifel und Fragezeichen.

Kamerun: Erstberfahrung Mount Cameroons
© Antonin Pergod
Guide Bruno: will weg aus Afrika und in der Schweiz leben. Am Mount Cameroon kennt er alle Trails, doch mit Regensturm hatte er nicht gerechnet. Die Kappa-Windjacke ist sein einziger Schutz.

INFO KAMERUN

Kamerun ist etwa so groß wie Spanien mit tropischem Klima und 26 Mio. Einwohnern. Amtssprache ist Französisch im Norden, Englisch im Süden. Direktflüge gibt’s ab Paris (6:30 Std.). Auf den Mount Cameroon gibt’s organisierte Trekking-Touren. Zirka 1500 Menschen besteigen pro Jahr den aktiven Vulkan, der im Jahr 2000 das letzte Mal ausbrach.

Kamerun: Erstberfahrung Mount Cameroons
© Antonin Pergod
Kamerun liegt an der Westküste Afrikas

Interview mit Profi-Biker René Wildhaber: "Mein Bike geklaut."

Wie kommt man auf die Idee, in Kamerun zu biken?
Alban Aubert hatte den Vulkan auf Google Earth entdeckt. Das bedeutete eine Abfahrt von 4040 Metern bis auf Null. Als ich mir das vorstellte, war ich gleich Feuer und Flamme für das Projekt.

Wenn man Schwarzafrika hört, denkt man an Malaria, Entführungen und Armut.
Afrika ist sicher nicht einfach. Mir fällt es da schwer, mich in das Gesellschaftsmodell reinzudenken. Das klappt in Asien leichter. In Kamerun gibt es die französischsprechende Mehrheit und eine englischsprechende Minderheit. Jetzt hat Französisch-Kamerun dem englischsprechenden Teil das Internet abgestellt, um diese Minderheit unter Druck zu setzen. Kein Wunder, dass da so viele Leute weg wollen. Diese ganzen Clan-Strukturen können da ein Fluch sein.

Ihr hattet Guide und Träger. Warum?
Mein Bike trage ich gerne selbst. Das ist mein Grundsatz. Doch der Träger brauchte einen Job. Als ich morgens aufwachte, war mein Bike weg. Der Träger hatte mein Bike geklaut und war damit losgewandert. Da musste ich schon lachen. Also hatten wir einen Träger mehr. Das war unsere Entwicklungshilfe, schließlich waren die Jungs auf diese Jobs angewiesen.

Ist der Mount Cameroon auch was für uns Hobby-Biker?
Ja, den Mount Cameroon kann ein gut trainierter Biker besteigen und mit dem Bike abfahren. Voraussetzung: Man engagiert Träger. Denn auf der Tour gibt es kein Wasser. Muss man das Wasser alleine schleppen, wird’s zäh. Ich finde, es gehört auch dazu, Träger zu engagieren. So kriegt man Kontakt zu den Einheimischen und die eine Verdienst-Chance. Das ist doch die beste Art von Entwicklungshilfe. Ohne wäre es einfach eine weitere Berg-Tour.

Du bist Schweizer, Alban Franzose, die Afrikaner sind Afrikaner. Wir habt Ihr Euch unterhalten?
Insgesamt waren wir zu zehnt. Die Träger waren aus dem englischsprachigen Teil Kameruns. Daher klappte es mit der Verständigung sehr gut. Unser Guide Bruno sprach am besten Englisch. Bruno erzählte mir, dass er unbedingt weg will aus Afrika. Das ergab gute Gespräche über Emmigration. Mit Bruno habe ich mich auf Anhieb verstanden. Er löcherte mich, wie das funktionieren könnte, nach Europa zu kommen, und ich erklärte ihm, dass das gar nicht so einfach sei.

Was war am blödesten, was am besten auf der Tour?
Die Nacht auf 3800 Metern war krass. Wir waren völlig durchnässt und froren um die Wette. Übel! Super war die Abfahrt. Mit so viel Bike-Spaß hätte ich niemals gerechnet.

Kamerun: Erstberfahrung Mount Cameroons
© Antonin Pergod
René Wildhaber, Profi-Biker

FREERIDE Titel 4/2018
© Christoph Breiner
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