Bike-Abenteuer: Himalaja

Freeriden im Himalaja

01.04.2017 Harald Philipp - Freeriden im Himalaja? Geht das? Manche behaupten es, doch Abenteuerberichte wirken oft geschönt oder inszeniert. Bikebergsteiger Harald Philipp und Trial-Star Thomas Öhler wollten es selbst ausprobieren.
Bike-Abenteuer: Himalaja
© Stefan Voitl
Foto-Realität: Berge, Sonne, blauer Himmel und ein Traum-Trail. Was man nicht sieht: Höhen-Kopfschmerz, Magengrummeln durch mieses Essen und viel zu verblocktes Gelände. 

Einfach nur Tourist zu sein –  schrecklich. Nein, wir suchten das richtige Abenteuer: Wir wollten Kultur erleben. Wir wollten entdecken. Sehen, was andere nie zu sehen kriegen. Biken, wo noch niemand biken war. Doch jetzt bezahlen wir für diese Arroganz: Das Panorama schaut genauso aus wie im Ötztal, mich plagt eine Lebensmittelvergiftung und der Trail ist eine verdammte Treppe.

Man hört nur das Wort "Nepal" und schon sprudeln die Bilder: staubige Trails vor Gletscherwänden, Reis-Terrassen in LSD-Farben, Häuser aus Lehm, Sherpas mit Packsäcken auf dem Rücken und Lachfalten im Gesicht – und natürlich Gebetsfahnen vor tiefblauem Himmel. Mein erster Impuls: Wow, da muss ich hin! Die Internet-Recherche zeigt: Diesen Traumurlaub mit dem Bike kann man sogar buchen. Mandil Pradhan organisiert Trailtouren; er ist der Inhaber von Hima­layan Rides. Seine Idee: Shuttle-Service zu den besten Pfaden im Supergebirge, Träger fürs Gepäck und alles inklusive. Seine Webseite macht Lust. Es scheint so einfach. Zu einfach?

Seealpen statt Sölden

Zu Hause habe ich mir angewöhnt, immer genau dort unterwegs zu sein, wo die anderen nicht sind: Ich will Trails ohne Bremswellen und Gipfelpanorama ohne Liftstation. Ich will Ziegenkäse direkt vom Hirten statt Fritteusenschnitzel vom Anton aus Tirol. Was in den Alpen geht, funktioniert im Himalaja sicher genauso, oder? Ich verabrede mich mit Mandil für ein Skype-Telefonat und erkläre ihm, was ich suche: einen Trail, der noch nie mit dem Bike befahren wurde. Oder noch besser: einen unbefahrenen Gipfel. Er sagt, der Himalaja sei anders als die Alpen. Okay, mag sein, doch ich will trotzdem nicht nach Lower Mustang wie alle. Er versteht.

Mein Nachbar Tom Öhler war Trial-Weltmeister. Tom lässt sich für Projekte begeistern, deren fahrtechnische Sinnhaftigkeit mit Zweifeln behaftet ist. So karstig wie im Steinernen Meer (unser letzter Trip) wird es dieses Mal schon nicht werden, verspreche ich ihm und hoffe es am meisten selbst. Also los! Ich verpflichte unseren Lieblingsfotografen Stefan Voitl. Er war mit Tom und Bike-Ikone Hans Rey in Guatemala für das Charity-Projekt Wheels4Life unterwegs. Sie spendeten Fahrräder für Einheimische. Das habe auch ich vor. Ich überzeuge Sponsoren und suche Termine. Nur langsam formt sich ein Plan. Mandil hat inzwischen eine Idee: Gosainkund, da war er mal zum Wandern. Hochalpine Seen, ein Pass in fast 5000 Metern Höhe, das schaut gut aus. Auf Google Earth finde ich Wege, die auf dem Satelitenbild machbar, aber doch garstig ausschauen. Ich schicke Mandil eine Karte mit meinen Ideen. Er meint "Okay, mal schauen." Jetzt ist es fix, wir reisen nach Nepal!

Bike-Abenteuer: Himalaja
© Stefan Voitl
Wie macht er das nur? Thomas Öhler ist durch nix zu stoppen. Hier hüpft er über eine fiese Spalte am Gosainkund-See.

Perfect Timing

Landung in Kathmandu. Happy New Year! Wir steigen aus in eine andere Welt – und in die größte Party des Jahres. In Nepal feiert man Neujahr Anfang April und wir mittendrin, wie geil! Wir lassen uns durch die bunten Straßen des Stadtteils Thamel treiben, reden und lachen mit jungen Nepalis und essen unser erstes Dal Bhat mit den Fingern – ein Linsengericht mit Gemüse. Zuerst will ich mit meiner Freundin Nepal kennenlernen, bevor es mit dem Bike in die Berge geht. Insgesamt habe ich fünf Wochen Zeit. Am ersten Abend feiern wir uns bereits dafür, richtig angekommen zu sein: Touristen? Nee, das sind die anderen!

"Mit dem Tageslicht erwacht die Stadt in ihrer ganzen Widerlichkeit."

Es riecht nach Kot, verbranntem Plastik und indischen Gewürzen. Ein Grunzgeräusch weckt uns, gefolgt von Keuchen und Spucken. Schleim fliegt durch die Gegend. Hier spuckt jeder, wegen dem Smog. Der Himmel ist zwar wolkenlos, aber braun. Man kann die Sonne nicht sehen. Autos, Roller und Dreiräder fahren Kampflinien durch Schlaglöcher und Schlammpfützen und hupen dabei ständig. Räudige Hunde liegen in der Gosse und beißen sich selbst Büschel aus dem Fell. Schmutzige Äffchen kämpfen miteinander, Kühe stehen teilnahmslos mitten auf der Straße und kauen Müll. Die Spuren des schrecklichen Erdbebens vor einem Jahr fallen kaum auf, die Stadt war schon vorher kaputt. Wir wollen weg von hier! Doch nichts funktioniert. Der Weiterflug nach Pokhara wird abgesagt wegen des Smogs, der Taxifahrer verarscht uns und die Frau, die angeblich Milch für ihr Baby will, neppt uns ebenso. Am Busbahnhof kriegen wir Angst um unser Leben und fliehen ins Hotel Kathmandu, ein Touristenresort. Wie war das gleich mit "Touris – das sind die anderen!"?

Auch unser Annapurna-Trekking erweist sich als Abfolge von Frustrationen: Das ehemals so entlegene Tal ist mit chinesischen Wasserkraftwerken zugebaut und über die neue Straße shutteln unsportliche Trekker bis auf 4000 Meter Höhe. Mehrmals täglich fliegt der Heli höhenkranke Wanderer zurück ins Tal. Auch wir unterschätzen die Distanzen, nehmen viel zu viel Gepäck mit, verschenken auf halber Strecke Zelt und Kleidung und leiden dennoch am Übergewicht. In jedem Dörfchen gibt es Internetzugang und die Einheimischen telefonieren mit Videobild. Sogar die Trails der Nebenrouten wurden zu Schotterpisten ausgebaut und überall liegt Müll. Der Smog begleitet uns bis über den Tho­rong-La-Pass. Auf 5500 Metern schmutzige Stadtluft zu atmen – das ist echt uncool.

Große Berge, große Schmerzen

Doch warum so negativ! Man kann es auch anders sehen: Ich stehe auf 3000 Metern und blicke auf eine Wand, die noch mal 5000 Meter aufragt. Da bleibt dir die Spucke weg. Das haut dich um.

"Noch nie habe ich mich so klein gefühlt vor einem Berg." 

Alles scheint eine Dimension größer. Selbst die Bäume. Sie sind riesig und die Wälder größtenteils unberührt. Der Mensch nimmt hier nur einen ganz kleinen Teil der Landschaft für sich in Anspruch. Für die Einheimischen sind diese Berge Götter – das kann ich jetzt verstehen. Die Menschen hier sind gegenüber Fremden tatsächlich so freundlich, wie man immer hört. Kein Ort, in dem nicht die Kinder auf uns zu rennen, lachen und "Namaste" rufen. Und wir rufen "Namaste" zurück und lachen auch. Wir haben uns damit abgefunden, Touristen zu sein.

Während ich in Pokhara meine erste Lebensmittelvergiftung auskuriere, kommen Tom und Stefan in Nepal an. Auch sie wollen Land und Leute erst zu Fuß kennenlernen und machen in den ersten Regenfällen des Vormonsun eine Wanderung im Süden des Annapurna. Ich freue mich darüber, dass der Regen den Smog aus der Luft wäscht und hoffe darauf, bald mehr Energie zu haben als nur für den Weg zum Klo. Gemeinsam fahren wir zurück nach Kathmandu, das sich jetzt nicht mehr ganz so eklig anfühlt wie zu Beginn der Reise. Meine Freundin reist ab und wir montieren unsere Bikes im inzwischen lieb gewonnenen Touristenresort.

Unser Organisationstalent Mandil ist eine coole Sau. Blitzgescheit und witzig, international studiert und in Nepal privilegiert. Er spricht sogar mit seinen Eltern Englisch und ist offensichtlich ein guter Geschäftsmann. Nach unserem Trip will er ein halbes Jahr durch die USA und Süd­amerika reisen. Mandil hat sich in die Planung unseres Abenteuers reingehängt: Lodges, Träger und Diamox gegen die Höhenkrankheit, für alles ist gesorgt. Meine Trail-Vorschläge funktionieren natürlich nicht, aber er hat eine Route gefunden, die noch nie gemacht wurde und bei der wir von einem 4650 Meter hohen Pass bis runter nach Kathmandu abfahren werden. Widerstand sinnlos. Wir fügen uns, obwohl wir uns seltsam fühlen mit zwei Guides, fünf Portern und Diamox als Prophylaxe.

Die Räder unserer Bikes berühren den Boden nur selten in den ersten Tagen. Wir tragen sie, Mandil nennt es zwar "Nepal-Style", aber Bike-Hiking kennen wir zu Genüge aus den Alpen! Vielleicht war es schlau, Diamox zu schlucken, denn wir steigen in nur zwei Tagen auf 4000 Meter hoch. Doch das Medikament überrascht uns mit Nebenwirkungen: Die Finger kribbeln und die Lippen schlafen ein – das ist noch halbwegs witzig. Doch dann rebelliert mein Magen. Beim Tragen spüren wir die Höhe nicht, außer dass wir verdammt langsam sind. Ganz anders: bei der Abfahrt. 15 Sekunden ist alles normal, dann geht das Atmen los. Wie Karpfen an Land schnappen wir nach Luft und hängen über dem Lenker.

Bike-Abenteuer: Himalaja
© Stefan Voitl
Badeshorts und Daunenjacke: Gerade noch Schwimmen im See, dann wieder Bibbern im Schneesturm.

Durchfall statt Gipfelsieg

Irgendwann erreichen wir einen Gipfel, 4300 Meter hoch. Ein Nepali klärt auf: "Das ist ein Hügel. Gipfel fangen bei 6000 an und den Begriff Berg gibt’s erst ab 7000 Metern." Tagsüber ist es so heiß, dass wir in jeden See springen müssen, doch schon nachmittags fängt es an zu schneien. Alles super, will man denken, doch mir geht’s dreckig. Mein Stuhlgang ist ein gelber Schaum, stinkt nach Essig und gleitet nur unter Schmerzen hinab ins Plumpsklo. Liegt es am Diamox? Es riecht jedenfalls ähnlich. Oder liegt’s an der Dal-Bhat-Diät? Das Linsengericht gibt es hier morgens, mittags und abends.

Der Laurabina-Pass ist mit 4650 Metern der höchste Punkt unseres Trips (noch immer auf Hügel-Niveau), doch ab jetzt geht es nur noch abwärts. Aber was ist das? Alles voller Stufen! Gerade so breit, dass sie das Vorderrad einklemmen. Garniert mit losem Rollschotter. Und ständigen Gegenanstiegen, auch die natürlich mit Stufen. 

"Ich ärgere mich über jeden blockigen Meter."

Nur Trial-Star Tom Öhler hat Spaß! Er hüpft von Stein zu Stein. Er sagt, dass ihm das Gelände auch zu schaffen mache, aber ich glaube ihm kein Wort. Jede Sektion, durch die ich knapp durchschramme, scheint für ihn ein Spielplatz. In den vier Tagen runter nach Kathmandu lernen wir alle Formen von Treppen kennen. Fast 30 000 Stufen sind es am Ende.

Während wir völlig damit beschäftigt sind, nicht über den Lenker zu stürzen, verändert sich die Landschaft um uns herum. Die Felsen verschwinden und Rhododendronwälder beginnen, dann wuchert der Dschungel, bis er Wellblechdörfern und Reis-Terrassen Platz machen muss. In einem Dorf sehe ich einen alten Mann vor seinem Haus sitzen und in den Himmel schauen. Die Falten in seinem Gesicht sehen aus wie die Jahresringe eines Baumes. Ich will ein Foto von ihm knipsen, doch lasse es sein und setze mich stattdessen neben ihn. Da sitzen wir und schauen. Zehn Minuten gucken wir gemeinsam in den Himmel. Als ich aufstehe und gehe, lächelt er mir zu. Ich lächle zurück.

Der allerletzte Weg ist Mandils Hometrail und der beste Teil unseres Trips. Diese 400 Höhenmeter Spaß entschädigen uns einigermaßen für den Stufenkampf zuvor und wir fahren jodelnd im Wheelie in die Stadt ein. Ja, wir freuen uns tatsächlich auf Kathmandu. Dieses stinkende Dreckloch fühlt sich plötzlich nach zuhause an! Den Staffelstab der Lebensmittelvergiftung übergebe ich an Tom, der nun die nächsten Tage flach liegt, während es mir wieder besser geht.

Doch ich fühle mich seltsam: Ich freue mich auf die Alpen – und denke: Wie schön haben wir es doch zuhause! Berge, die gerade hoch genug sind für einen Tagestrip. Wege ohne Stufen. Essen ohne Vergiftungs-Paranoia. Sauberkeit, Ruhe, klare Luft. Doch andererseits bin ich erst jetzt richtig angekommen in Nepal, nach eineinhalb Monaten. Ich bin kein Tourist mehr! Ich verstehe jetzt, was in diesen Bergen möglich ist und was nicht. Ich weiß, dass der Smog nur in der Vormonsun-Zeit Probleme macht und ich vermute im Norden des Himalajas Wege ohne Stufen. Für den Flug zurück kaufe ich mir Landkarten von der Regionen westlich von Mustang. Denn ich will wieder nach Nepal. Dorthin, wo ich Dinge sehe, die sonst niemand sieht. Dorthin, wo noch niemand war mit dem Bike! 


INFO HIMALAJA

Beste Reisezeit: die Nach-Monsun-Zeit  (Oktober/November). Im Frühjahr ist weniger los, aber dafür Smog.

Gelände: sehr anspruchsvoll. Ideales Bike: Enduro.

Organisierte Touren vor Ort: Himalayanrides.com

Buchbare Reisen: z. B. für 3400 Euro, www.fahrtwind.de oder für 5400 CHF, mountainbikereisen.ch

Bike-Abenteuer: Himalaja
© BIKE Magazin
Infokarte Himalaja
FREERIDE Titel 4/2016
© Ale di Lullo
Kommentare zu diesem Artikel
comments powered by Disqus
Das könnte Sie auch interessieren
Schlagwörter

Himalaja

Diese Ausgabe 4/2016 bestellen