Italien: Freeride-Trails in den Dolomiten

Dolomiten: 5 Trails im schönsten Gebirge

15.02.2017 Wade Simmons - Die Dolomiten sind das schönste Gebirge der Welt. Da können auch Trails aus Übersee nichts dran ändern. Die kanadischen Freeride-Erfinder Wade Simmons, Brett Tippie und Richie Schley gingen auf Bildungsreise.
Italien: Freeride-Trails in den Dolomiten
© Ale di Lullo
Kleine Jungs in großen Bergen: Die kanadischen Freeride-Heros spielten "Wer findet die geilsten Lines". "Diesmal hat Tippie gewonnen mit dieser Fels­platte auf halber Strecke zur Marmolada. Was für ein Berg!", sagt Wade Simmons. 

Schreit da jemand? Zwischen den Windböen höre ich etwas. Es klingt nach einer Stimme. Schwer zu sagen. Die Sonne ist schon vor einer Stunde untergegangen. Jetzt weht ein kalter Wind. Ich bin als Erster zurück am Auto und ziemlich froh darüber, endlich aus den Bike-Klamotten zu kommen. Ein langer Tag geht zu Ende. Die letzten Stunden surften wir über einen Singletrail – immer und immer wieder, denn wir machten Fotos und das dauert eben seine Zeit. Mit dem Sonnenuntergang kommt die Kälte. Sie kriecht mir unangenehm in die Knochen – kein Wunder, schließlich gurken wir hier am Sella­joch rum, in 2240 Metern Höhe. Tippie taucht hinter dem Auto auf, er scheint ziemlich aufgedreht, denn er spuckt mir die Sätze förmlich ins Gesicht. "Dude, Ale ist immer noch da oben. Hol deine Sachen: Es ist episch!" – "Was?" – "Der Mond, verdammt. Der Mond ist irre! Verdammte Scheiße, ich kann nicht glauben, dass wir ihn um ein Haar verpasst hätten. Komm endlich!" Und schon ist er weg. Etwas lustlos ziehe ich mich wieder an, nur angetrieben durch Tippies Begeisterung.

Denn wenn Tippie euphorisch ist, lohnt der Aufwand. Und tatsächlich: So einen Mond habe ich noch nie gesehen.

Vor weniger als sieben Stunden haben wir drei uns noch durch die Hallen der Eurobike-Messe in Friedrichshafen gewühlt. Überall stolperten wir über E-Bikes. Eins muss man den Europäern lassen: Haben sie sich was in den Kopf gesetzt – wie diese E-Bikes – dann ziehen sie es durch. Als wir uns nach drei Messetagen mit summenden Köpfen und pelzigen Mündern vom vielen Smalltalk ins Auto setzten, sehnte ich mich nach ruhigen Tagen in den Dolomiten. Bitte endlich mal Stille! Bergwind, Felsgipfel, anstrengendes, batterieloses Old-School-Biken – das ist, was ich wollte!

Die Dolomiten schlagen dich unweigerlich in den Bann. Diesen Bergen kann sich niemand entziehen. Skifahrer und Kletterer lieben sie. Reinhold Messner wuchs in den Dolomiten auf und lernte hier, was ihn später auf die höchsten Berge der Welt kraxeln ließ. 2009 wurden die Dolomiten zum Unesco Weltnatur­erbe ernannt. Gut so, denn diese Landschaft braucht Schutz. Man will es nicht glauben, doch im ersten Weltkrieg flogen hier die Fetzen – und die Felsen. Die Alpenfront zog sich mitten durch die Berge, eine grimmige Front zwischen Fels, Eis und Schnee. Auf der einen Seite: zum Äußersten entschlossen die Italiener. Auf der anderen: Österreicher, meist Bergführer, Wildschützen und eilig eingezogene Bergbauern, grimmig und nicht willens, nur einen Fußbreit Boden aufzugeben. So trieben die Gebirgsjäger beider Seiten lange Tunnel in die Berge, stopften sie mit Dynamit und jagten ganze Bergkuppen in die Luft, wenn sich der Gegner anders nicht verjagen ließ. Jahr für Jahr spucken die schmelzenden Gletscher bis heute Soldatenleichen aus, Stahlhelme, Gewehrläufe, rostige Bajonette. Und natürlich sind die Berghänge durchzogen von alten Militärstraßen und schmalen Pfaden. Kriegsgefangene meißelten sie unter Lebensgefahr in den Fels, um Handgranaten, Morphiumspritzen und Hartwürste hoch zur Alpenfront zu buckeln. Aus Ernst wurde Spaß – heute verwandeln diese Pfade die Dolomiten in ein Mountainbike-Eldorado.

Unsere Autofahrt in die Berge war kriminell: Fotograf Ale di Lullo, rasierter Kopf, Habichtblick aus dunklen Augen, unrasiertes Kinn (er könnte den fiesen Mexikaner in einem Italo-Western spielen) wollte die 5-Stunden-Strecke in 3 Stunden schaffen, um gleich noch ein Abend-Shooting in den Kasten zu bekommen. Also kurbelte er wie verrückt am Lenkrad, der Wagen schleuderte durch die schmalen, gewundenen Alpenstraßen, die Reifen quietschten und unsere Köpfe rumsten an die Autoscheiben oder stießen ans Autodach. Dann rissen wir die schläfrigen Augen wieder auf und starrten Ale an, der unsere Bedenken ausräumte mit einem mürrischen: "Keine Sorge, Girls, so ist Italien eben!" Endlich am Sella-Joch überfiel Ale das Foto-Jagdfieber. Er war nicht mehr ansprechbar, hantierte mit Objektiven und Kamera-Akkus, griff sich den Kamerarucksack und verschwand Richtung Trail. Wir, die gefügigen Models, folgten und taten in den nächsten Stunden wie Foto-Zar Ale befahl – bis die Nacht aus den Tälern heraufkroch. Und selbst jetzt, in Dunkelheit und Kälte, folgen wir Ales Ruf. Er will Mondbilder – er kriegt Mondbilder! Ich knipse meine Helmlampe an und kurbele den Berg hoch, um den mondsüchtigen Tippie einzuholen.

Später am Abend treffen wir unseren Jugendfreund Richie Schley im Astoria Hotel in Canazei. Er ist neidisch, dass er unsere Vollmond-Session wegen einer Autogramm-Stunde auf der Eurobike verpasst hat. Canazei ist ein altes Bergdorf im Fassatal mit gerade mal 1900 Einwohnern – der ideale Ausgangspunkt für Trails am Sella-Joch, Pordoi und Fedaia. Die vielen Bike-Hotels zeugen von der Superlage. Jetzt mit Schley im Gefolge bestellen wir einen guten italienischen Rotwein und schmieden Pläne für die nächsten Tage – La Dolce Vita!

Italien: Freeride-Trails in den Dolomiten
© Ale di Lullo
"Der gewöhnliche Freerider in seinem natürlichen Lebensraum", witzelt Wade Simmons über seinen Buddy Richie Schley.

Ein Guide muss her. Ale entscheidet das so, denn er hat es satt, im Gelände herumzuirren.

Wir wählen Stefano von Sport Check Point. Unter diesen Namen haben sich ein paar sportbegeisterte Freunde zusammengeschlossen. Sie wollen ein Paket schnüren, das sich von gewöhnlichen Bike-Touren und Soft-Abenteuern abhebt. Canyoning, Klettern, Paragliden oder Freeride-Sessions – bei ihnen kann man fast alles buchen. Die Jungs eröffneten auch einen kleinen Downhill-Park in Canazei. Kein schlechter Job, denke ich mir, als ich zu Stefano blicke, wie er mit einem Filzstift Trails in der Landkarte anmarkert: Da kommen Typen, wollen seine Lieblingstrails fahren und zahlen Geld dafür, dass er sie ihnen zeigt. Not bad!

Der erste Trail, den wir fahren, traversiert zur Marmolada (mit 3334 Metern der höchste Berg der Dolomiten). Der Trail scheint wie für Biker gemacht: leicht bergab mit Wellen und Kurven, die man ohne zu bremsen mit Schmackes nehmen kann, und wenigen technischen Uphills – die uns aber auch Spaß machen, denn keiner wollte sich die Blöße geben und den Fuß absetzen. So wurde es ein Feinmotorik-Wettkampf. Unglaublich, warum machen diese alten Wanderpfade mit dem Bike nur so viel Spaß? Unten am Fedaia-Pass angekommen, nehmen wir den Lift wieder hoch zur Marmolada. Der Sessellift taumelt in die Höhe, ich traue ihm kaum zu, die starke Steigung zu schaffen. Es ist nicht mehr als ein schwebender Gartenstuhl, klapperig und schräg. Ich bin mir sicher, dass er älter ist als meine Großeltern – wahrscheinlich auch älter als deren Großeltern. Während der Gartenstuhl nach oben zuckelt, kleben meine Augen an einem Felsengrat, der aussieht wie ein schartiges Messer. Da wollen wir entlang fahren? Wirklich?! Die Geographie der Dolomiten ist eigenartig. Du findest riesige Schotterhänge, die 1200 Meter weiter oben an einer senkrechten Felswand enden. Die Felsen recken sich einige hundert Meter nach oben und bilden dort eine Art Hochplateau, das aussieht wie eine Mondlandschaft. Kein Baum, kein Strauch, nur Stein und Fels. Überall gibt es Drops und Felsstufen. Hier zu fahren, ist nicht leicht, schon gar nicht, die Idealline durch das Felslabyrinth zu finden. Alles lässt sich weiß Gott nicht fahren – nicht mal von Cracks. Besonders die Trails durch die Felswände haben es in sich. Immer wieder müssen wir absteigen und besonders fiese Passagen abklettern. In einer Hand das Bike, die andere in den Fels gekrallt, den Blick auf die Füße gerichtet, um die Tritte sorgfältig zu setzen, denn nur eine Handbreit daneben lauert der Abgrund. Doch mit jeden Meter werden die Trails fahrbarer, schneller, sanfter.

"In einer Hand das Bike, die andere in den Fels gekrallt. Daneben: Abgrund."

Ich bin weiß Gott schon viele Trails gefahren, doch die Abfahrt von der Marmolada werde ich so schnell nicht vergessen. Ausgesetzt beschreibt das Gefühl am besten. Ich brauche all mein Fahrkönnen, um hier runterzukommen. Der Pfad verläuft oft empfindlich nah am Abgrund. Und wenn ich Abgrund sage, meine ich auch wirklich Abgrund – ein kleiner Patzer und ich würde hundert Meter senkrecht hinunterstürzen. "No fall here, please", ruft Stefano mit seinem italienischen Akzent vor besonders kniffeligen Passagen. Dann beobachtet er uns aufmerksam, als könnte uns das vor einem Sturz bewahren. Doch wir drei Kanadier fühlen uns sauwohl in diesem Felsenchaos. Wir genießen den Nervenkitzel, kippen über Steinplatten, rollen über Felsabbrüche, droppen über Stufen, surfen Schotterhalden hinunter, balancieren durch Spitzkehren hoch über dem Abgrund und tauchen schließlich zurück in den Waldgürtel weiter unten am Berg, um das Trailabenteuer auf softem Nadelboden zu beenden. Ich kann euch versichern – und da stimmen wir drei überein – dieser Ride kann mit den besten mithalten, die wir je gemacht haben. Und es wird noch besser, denn die nächsten Tage geht es genau so weiter.

Italien: Freeride-Trails in den Dolomiten
© Ale di Lullo
Hoch oben in der steinigen Sella-Gruppe scherzt Tippie: "Even the rocks have rocks!"

Am vierten Tag fahren wir zum Passo Falzarego und checken die Trails am Cinque Torri hoch über Cortina d’Ampezzo. Hier schieben sich Felsentürme steil in den Himmel, im Hintergrund zacken Berggipfel von einzigartiger Schönheit in die Höhe. Kein Wunder, dass wir hier die meisten Biker treffen. Wir legen eine Pause im Refugio Cinque Torri ein und beob­achten Alpenüberquerer, die hier in Rudeln auf einer populären Strecke vorüberrollen. Wenn ich die Cross-Country-Bikes und ihre Ausrüstung so sehe, danke ich Stefano dafür, dass wir mit ihm ganz andere Dolomiten erleben.

Es scheint, als ob es in diesen Bergen noch eine Menge Mountainbike-Trails zu entdecken gibt. Mich überrascht das, wenn ich bedenke, wie erstklassig die Trails sind und dass fast jede Gondel für einen schnellen Aufstieg Bikes transportiert. Ich habe den Eindruck, dass die Wanderer auf diesen einsamen Trails eher selten auf Biker treffen. Oft schauen sie uns aus Neugierde zu, ob wir es tatsächlich um die Spitzkehre schaffen oder uns den Hals brechen. Sie applaudieren dann – erstaunt und irritiert zugleich.

Singletrails zu entdecken, ist das Größte in meinem Leben. Wenn ich, wie hier, diese braunen Bänder der Freude in Berghängen, Grashügeln oder Wäldern aufstöbere, hüpft mein Herz wie am ersten Tag. Dann spüre ich auch, dass ich mit angelegten Bikeparks alleine nicht zufrieden sein könnte. Gib mir einen schönen Berg mit einem natürlichen Trail – und meine Wahl steht fest. So was findest du in den Dolomiten. Ein Hoch auf diese Berge!

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