Test: Flow-Trails für Freerider

Das können die Flow-Trails in unserem Test

08.04.2017 Dimitri Lehner - Diese vier Buchstaben gelten als Synonym für Glück. Nicht nur für uns Freerider – viele scheinen auf der Suche danach. Doch was steckt hinter dem Wort FLOW? Und warum macht er uns so happy?
Test: Flow-Trails für Freerider
© Grant Gunderson
Profi-Biker KC Deane im Singletrail-Rausch irgendwo in British Columbia. Jeder wird zustimmen, dass das ein geiles Gefühl ist. Doch warum macht uns Biken eigentlich so glücklich? 

Wow, das hatte ich noch nie erlebt! Dabei fuhr ich seit 15 Jahren Mountainbike und arbeitete schon lange fürs BIKE Magazin. Ich kannte also schon eine Menge Bike-Reviere – doch was mir 2004 bei meinem ersten Whistler-Besuch widerfuhr, veränderte mein Weltbild als Mountainbiker. Auslöser waren die Parktrails A-Line und Dirt Merchant, eine Abfolge von Sprüngen, Anliegern, Step-ups und Step-downs. Diese Trails brachten die Synapsen derart zum Glühen, dass der Jackpot in meinem Glückszentrum ausgeschüttet wurde. Ich hatte Fahrspaß wie nie zuvor. Mehr noch: Mir kam es vor, als würde ich auf einmal viel besser biken. Zauberei? Ich fühlte mich wie ein Rockstar!­

Heute weiß ich, was ich damals so überraschend erlebt habe: Flow. Ein Phänomen, das euro­päische Biker 2004 höchstens in kleinen Häppchen spüren konnten – und das sie auch gar nicht suchten. Damals stand der Gardasee mit seinen Trail-Klassikern 601 und Sentiero della Pace hoch im Kurs, die felsige Kohlern-Abfahrt in Bozen oder andere verwinkelte Stolper-Trails in den Alpen. Mountainbiker definierten sich eher darüber, welche Geländeformen sie technisch bewältigen konnten und wo ihre maximale Drop­höhe lag. Kurzum: Wir Euro-Free­rider ahnten vor etwas mehr als 10 Jahren noch wenig von der Faszination des ungebremstem Fahrflusses. Kein Wunder, denn der professio­nelle Trailbau steckte in den Kinderschuhen und Bikeparks waren gerade erst im Kommen.

Doch was ist Flow überhaupt und warum macht er Mountainbiker so glücklich, ja regelrecht euphorisch? Meine Theorie: Flow entsteht durch Kurvenbeschleunigung in vertikaler und horizontaler Richtung. Konkreter: durch Sprünge, Drops, Bodenwellen (vertikal) und Kurven, Anlieger, Wallrides (horizontal). Dieses Achterbahn-Gefühl ist es, das uns so euphorisiert. Bester Beweis ist die Mutter aller Flow-Sportarten: Wellenreiten. Hier passieren die Bewegungen besonders rhythmisch. Der Surfer gleitet übers Wasser und spielt mit der Welle. Ähnlich wie Tiefschnee-Skifahrer und Snowboarder. Nun haben Wasser und Schnee den Vorteil, ein geschmeidiges Medium zu sein; man zieht die Turns, wo man will. Wege oder Bahnen sind überflüssig. Ein Mountainbiker dagegen braucht einen Trail, und der muss gewisse Voraussetzungen erfüllen, um Flow zu erzeugen. Die IMBA (Internatio­nal Mountain Bicycling Association) hat diese analysiert und definiert flowige Trails so:

"Flowtrails machen ein Achterbahn-Gefühl erlebbar, ohne dass man groß bremsen oder pedalieren müsste. Die Trails besitzen Features wie Anlieger, Wellen, unterschiedliche Arten von Sprüngen und vorhersehbare, durchgängige Untergründe. Unerwünscht: hakelige Kurven und unvorhersehbare Hindernisse. Der Biker kurvt von links nach rechts, oben nach unten, entwickelt einen Rhythmus – und fließt durch den Trail."

Treffender kann die Definition eines Flowtrails nicht sein. Nun existiert aber noch ein weiterer Flow-Begriff – und das stiftet Verwirrung. Es ist der sogenannte psychologische Flow. Im Gegensatz zum Fahrfluss der Mountainbiker beschreibt der psychologische Flow eine Art Trance-Zustand, der bei völliger Konzentration entsteht. Ein Tätigkeitsrausch, in den man geraten kann, wenn man in seinem Tun aufgeht, alle anderen Gedanken ausblendet und sich völlig im "Jetzt" befindet. Das kann zum Beispiel beim Gitarrespielen, Malen, Slacklinen, in der Liebe – oder eben auch beim Mountainbiken passieren. Downhill-Weltmeister Danny Hart geriet mit Sicherheit in einem solchen mentalen Flow-Zustand, als er kürzlich über die Mörder-Abfahrt von Val di Sole bretterte: Er verschmolz förmlich mit seinem Bike, maximal konzentriert und absorbiert von seiner Tätigkeit. 

Test: Flow-Trails für Freerider
© Geoff Gulevich
Nature Flow

Dabei war die fiese Abfahrt in Val di Sole alles andere als flowig, wenn nicht sogar das krasse Gegenteil davon: eine einzige Stolperfalle. Dennoch gibt es gewisse Überschneidungen der zwei Flow-Begriffe. So trägt etwa eine flowige Strecke dazu bei, dass der Fahrer auch in den mentalen Flow-Zustand gerät, alle Gedanken ausblendet und den Moment ganz intensiv erlebt. Unsere Euphorie beim Biken wird jedoch maßgeblich vom Bike-Flow bestimmt, dem Fahrfluss des Trails also. Ein flowiger Trail kann "natürlich" sein (Wanderwege wie Saalbachs Hacklberg-Trail oder der bekannte Tschilli-Trail in Latsch) oder von einem Trailbauer speziell für Biker angelegt. "Paradoxerweise sind die Natur-Trails in vielen Bike-Revieren wie Saalbach-Hinterglemm oder Livigno flowiger als die gebauten Trails", sagt Freeride-Profi Bobby Root, der schon Trails auf der ganzen Welt befahren hat. "Auf den Parkstrecken in Europa passt es oft vorne und hinten nicht. Mal fehlt der Speed für einen Sprung, mal musst du voll in die Eisen, um nicht im Keller zu landen."

Wanderwege also flowiger als gebaute Flow-Strecken? Nein, auch Profi-Trailbauern gelingen wahre Flow-Spektakel – Expertise und Erfahrung vorausgesetzt. Der "Flow Country" im Bikepark Geißkopf, gebaut von Diddie Schneider, ist ein Vorzeigebeispiel für einen künstlichen Flow-Trail. Schneiders Trail ist abwechslungsreich (Kurvenwechsel, Sprünge, Bodenwellen), doch sicher und einfach zu fahren. Weder bremsen eckige Kurven den Biker aus, noch überrascht der Trail durch gefährliche oder schlecht gebaute Stunts. Profi-Trailbauer Glen Jacobs aus Australien (verantwortlich für viele UCI-Strecken) weiß: "Wenn du auf einem Trail überhaupt nicht ahnst, was dich erwartet, kannst du keinen Flow erleben." Dieser Meinung bin auch ich: In Bikeparks sollten Idealbedingungen herrschen (von natürlichen Downhill-Strecken mal abgesehen). In einer Hüpfburg will ich schließlich auch nicht mit einem verborgenen Stahlträger rechnen müssen.

Und ich will noch mit einem weiteren Missverständnis aufräumen: Flow-Trails müssen weder einfach sein, noch dürfen sie langweilig sein. Leider ist das eine gängige Praxis: Viele Bikepark-Betreiber nennen ihre lahmen Anfänger-Abfahrten "Flow-Trail". Als wäre die Bedeutung von Flow: Da kann jeder fahren. Das ist Unsinn, denn Flow-Trails kennen kein Skill-Limit. Es gibt flowige Trails in allen Schwierigkeitsgraden. Oftmals besitzen die Wettkampf-Trails der Profis sogar den meisten Flow. Wer sich die Slopestyle-Parcours von Whistler, den Nine Knights oder den District Ride in Nürnberg anschaut, gerät ins Schwärmen. Für den Hobby-Freerider ist das alles natürlich fünf Nummern zu groß. Bestes Beispiel sind die Jumplines der Fest-Series. "Ich bin beeindruckt von diesen Sprungkombina­tionen", bestätigt Bobby Root, "perfekte Absprünge, perfekte Landungen, ideale Anlieger – das ist Flow in Reinform, allerdings auf höchstem Fahrniveau."

Die besten gebauten Flow-Trails für Jedermann befinden sich noch immer im Vorzeige-Bikepark Whistler. Die Namen "Dirt Merchant" und "A-Line" sind nicht ohne Grund jedem Freerider weltweit ein Begriff – die Referenz für höchste Trailbau-Kunst. "Du rauschst durch den Trail mit einer Leichtigkeit, die begeistert. Diese Trails geben Speed und Rhythmus vor, so dass du dich voll der Airtime hingeben kannst", sagt Free­ride-Pionier Richie Schley. Doch warum kriegen so wenige Bikeparks in Europa die magische Flow-Formel hin? Bike-Ikone Hans Rey kennt die Antwort: "Für alles rennen wir zum Spezialisten – zum Zahnarzt, in die Autowerkstatt, zum Elektriker. Nur wenn’s um Moutainbike-Trails geht, glaubt jeder, er könne es selbst." Profi-Trailbauer Glen Jacobs sieht es noch ernster: "Manche Bikepark-Trails sind so fahrlässig gebaut, dass in meinen Augen schon eine Straftat vorliegt!" Seine Forderung: Wenn wir wollen, dass der Sport wächst, müssen wir den Leuten flowige Trails bieten, statt sie ständig mit Murcksstrecken zu frustrieren." Ein Urteil, das ich nach vielen Bikepark-Tests der FREERIDE voll unterschreiben kann.

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© Harookz
Park Flow

DAS FLOW PHÄNOMEN

Der Psycho-Flow:

Mihály Csikszentmihályi gilt als Schöpfer der Flow-Theorie. Der Psychologie-Professor aus Kalifornien beschrieb 1975 das Flow-Erleben. Flow bezeichnet hier das beglückende Gefühl eines mentalen Zustands völliger Vertiefung (Konzentration). Psychologischer Flow entsteht, wenn die Ziele klar definiert sind, man selbstbestimmt handelt, die Tätigkeit nahezu mühelos kontrolliert und dabei weder überfordert (Angst) noch unterfordert ist (Langeweile). Die Folge: Handeln und Bewusstsein verschmelzen, das Zeitgefühl verändert sich (Leben im Hier und Jetzt) und die Tätigkeit belohnt sich selbst (Spaß an der Tätigkeit, Glückseuphorie). Flow tritt häufig bei sogenannten Fun-Sportarten auf: Surfen, Skifahren, Klettern, Segeln, Tanzen. Aber auch bei Computerspielen, Sex, Modellbau etc. Für den Psychologen Siegbert Warwitz ist das spielende Kind der Prototyp eines Menschen im Flow: Es befindet sich im glück­seligen Zustand des "Bei-sich-seins".

Der Bike-Flow:

Im Mountainbiken bezeichnet Flow den Fahrfluss. Er entsteht, wenn man durch die Strecke rollt, ohne viel zu bremsen oder zu pedalieren. Dabei muss der Trail auf nicht zu ruppigem Untergrund in horizontaler Achse (Kurven) und vertikaler Achse (Sprünge, Roller) ausschwingen. Die dabei entstehende Kurvenbeschleunigung erzeugt Euphorie und Fahrspaß. Das kann sowohl auf natürlichen als auch auf gebauten Trails passieren. Flow-Hemmer dagegen sind: zu steiles Gelände (Bremsrillen), hakelige Kurven, Eintönigkeit, Gefahren auf dem Trail, unrhythmische Verläufe, Rollsplit, verblocktes Gelände oder falsch dimensionierte Sprünge.


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